Unterwegs mit Evelyne Binsack

«Den Pilatus im Rücken zu haben – das prägt schon»

Interview: Hugo Vuyk / Video: Daniel Hager / Bilder: Jürg Waldmeier

Evelyne Binsack bezwang 2001 als erste Schweizerin den Mount Everest. Sie ist in Luzern geboren und in Hergiswil aufgewachsen. Im Interview äussert sie sich zu Herausforderungen und Wagnissen im Alpinismus und auf Reisen in der weiten Welt sowie zu ihren ersten Kletterpartien am Luzerner Hausberg.

Nach Ihrer letzten Mount-Everest-Expedition, die Sie wegen Krankheit abbrechen mussten, sagten Sie: Ich bin dankbar für die Erfahrung, dass es immer den richtigen «Umkehrpunkt» gibt. Wieso soll es den immer geben?
Den Umkehrpunkt braucht es im Alpinismus oder auf Expeditionen, damit man nicht zu hohe Risiken eingeht. Man muss wissen, wann man abbrechen muss.

Der Umkehrpunkt wird nie überschritten?
Doch, es gibt Situationen, in denen man darüber hinausgeht. Es gilt, die Faktoren zu analysieren, die den Umkehrpunkt bestimmen: Sind es objektive Gefahren wie Steinschlag, Eisschlag, Lawinengefahr, Sturm oder sind es eher subjektive Risiken wie Krankheit oder Erschöpfung. Die Ausgangslage ist nie gleich, daher ist es auch schwierig, im richtigen Moment umzukehren.

Als Bergführerin müssen Sie auch für andere entscheiden, wann der richtige Umkehrpunkt gekommen ist. Welche Herausforderungen gab es da schon zu meistern?
Als Bergführer verfügt man über grössere Reserven als der Gast. Wenn einer den Umkehrpunkt nicht akzeptiert, kann man durchaus etwas mehr in den Gefahrenbereich vordringen. Der Gast leidet dabei in aller Regel mehr als der Bergführer, und wenn man dann sagt, dass die Zeit für den Abbruch gekommen sei, hat man meist keine Probleme. Einmal habe ich drei Tage lang eine Skitour bei grosser Lawinengefahr geführt, dabei war ich die ganze Zeit über die Spielverderberin, denn wir konnten uns nur an den Rändern der grossen Hänge bewegen. Es hatte zwar super Pulverschnee, doch ein Hauch hätte gereicht, um den ganzen Hang ins Rutschen zu bringen. Meine Gäste wollten das vorne und hinten nicht begreifen. In solchen Situationen bleibe ich stur die Spielverderberin, dafür haben dann alle ein etwas längeres Leben. 

Somit sind Situationen, in denen der Ehrgeiz des Gastes zu gross ist, nicht unvorstellbar ...
Ja, aber dann kann ich auch sehr bestimmt sein, denn es geht auch um mein Leben.

Umkehrpunkte gibt es im Leben eines jeden Menschen. Sie lassen uns Abstand oder neuen Anlauf nehmen. Welches waren in Ihrem Leben die wichtigsten Umkehrpunkte?
Der letzte grosse Umkehrpunkt war bei mir vor einem Jahr am Mount Everest. Nachdem ich 2001 schon einmal den Gipfel erklommen habe, bin ich letztes Jahr für Filmarbeiten zurückgekehrt. Plötzlich ging eine Eislawine los – zwar wurde niemand verletzt, doch bei mir führte der Eisstaub in der Lunge zu einer Bronchienentzündung. Trotz Krankheit versuchte ich noch dreimal, den Berg hochzukommen. Doch es ging einfach nicht. Bei schönem Wetter umzukehren, bei einem Projekt, in dem so viel Zeit und Geld steckte, in das ich so viel Energie investiert hatte ... Aufgeben, weil der Körper nicht mitmacht, das war hart. Auch wenn man weiss, dass man sich richtig entschieden hat, das sind schwierige Momente im Leben. Aber am Aufstieg festzuhalten, wäre tödlich gewesen.

Aus Sicht des Nichtkletterers wagen Sie viel in Ihrem Leben. Wie bereiten Sie sich auf die Wagnisse vor?
Ich mache nicht einfach etwas Verrücktes, ich habe ein Ziel im Kopf, zum Beispiel die Besteigung der Eigernordwand. Die hat man dann einmal im Winter bestiegen, einmal im Sommer, einmal fürs Fernsehen. Dann wagt man sich an etwas Grösseres und nimmt die bisherigen Erlebnisse als Erfahrungsgrundlage mit. So wächst die Fähigkeit, sich über längere Zeit psychisch belasten zu können. Daher ist Wagnis ein variabler Begriff, der sich mit der Erfahrung ändert.

Welches waren die ersten Herausforderungen, die Sie in Luzern und Umgebung zu meistern hatten?
Ich kann mich noch an ein Erlebnis aus meiner Pubertät erinnern, an einen Kinoabend in Luzern. Meinen Führerschein hatte ich frisch in der Tasche. Ich war knapp dran in der Zeit, und als ich keinen Parkplatz fand, hab ich den Wagen halt einfach in einer Kurve abgestellt. Dummerweise verhinderte ich so dem Linienbus die Durchfahrt und ein Busfahrer verständigte die Polizei. Als ich aus dem Kino herauskam und das Auto nicht mehr vorfand, dachte ich zuerst, es sei gestohlen worden. Die Situation dann wieder zu bereinigen, das war für mich eine ordentliche Herausforderung.

Welchen Einfluss hatten Luzern und Hergiswil auf Ihre spätere Berufswahl?
Den Pilatus im Rücken zu haben – das prägt schon. Obwohl er kein riesiger Berg ist, bin ich häufig hochgejoggt und habe die ersten Klettertouren in seinen Klettergärten unternommen. Von Hergiswil aus, wo ich aufgewachsen bin, konnten wir die Wolken und die Gewitter über dem Pilatus immer gut beobachten. Die Natur um mich herum, der See und der Berg, all das gehört zu mir.

Welche Rolle spielt der Pilatus heute für Sie?
Ich jogge noch immer ab und zu auf den Gipfel, esse im Kulm eine Portion Pommes frites (lacht) und fahr dann mit dem Bähnchen wieder runter.

«Wenn einer den Umkehrpunkt nicht akzeptiert, kann man durchaus etwas mehr in den Gefahrenbereich vordringen. Der Gast leidet dabei in aller Regel mehr als der Bergführer.»

Mal ehrlich, die Motivation, das tägliche Trainingsprogramm zu absolvieren, wird nicht immer 100 Prozent betragen. Wie gehen Sie damit um?
Mein Körper ist sehr einfach gestrickt, der sagt mir, was er will. Seit dem Alter von 13 Jahren, und das sind mittlerweile 34 Jahre her, will er sein tägliches Training. So, wie andere essen, trinken und schlafen müssen. Wenn ich dem Körper das vorenthalte, wird er nervös, und mir gelingt es nicht, den Alltag locker zu nehmen. Heute musste ich um halb acht losfahren. Da bin ich halt früher aufgestanden und hab mein Training absolviert, dafür bin ich jetzt den ganzen Tag easy. Manchmal braucht es etwas Überwindung, aber wirkliche Motivationsprobleme kenn ich nicht.

Einen Tag ohne Training gibt es somit nicht?
Nein, ausser ich wäre schwer krank.

Willenskraft ist für Sie wichtig. Wurde die Ihnen in die Wiege gelegt oder arbeiten Sie immer wieder daran?
Willenskraft wird in einem Menschen einerseits ganz früh angelegt, das sagt auch die Willensforschung. Auf der anderen Seite habe ich meine Willenskraft immer wieder geschult, unbewusst fing ich damit bereits im Alter von 13 Jahren an, als ich Leichtathletik machte. Aus der Forschung weiss man zudem: Je häufiger man sich an Punkte bringt, an denen man sich überwinden muss, desto stärker wird die Willenskraft. Doch sie kann sich wie ein Muskel erschöpfen, es braucht daher auch Pausen und nicht immer nur Druck.

Luzern ist bekannt für Schokolade und andere Süssigkeiten. Welche Leckereien erlaubt Ihnen der Sport?
(lacht) Das Schöne am Sport ist, dass er einem viele Leckereien erlaubt. Ich esse lieber eine Tafel Schokolade und jogge dann eine halbe Stunde länger, als dass ich darauf verzichten muss.

Welche Luzerner Spezialitäten und Süssigkeiten mögen Sie besonders?
Bei mir sind weniger die Spezialitäten wichtig, dafür die Orte, an denen ich schlemme: sei es an der Reuss, am Vierwaldstättersee oder in einem schönen Gartenrestaurant.

Von welchen typischen Innerschweizer oder Luzerner Eigenschaften profitieren Sie bei Ihren Abenteuern in der weiten Welt?
Von einer Art Innerschweizer Mentalität, wobei ich nicht weiss, wo diese herrührt – vielleicht ist der See das verbindende Element. Auf jeden Fall verfügen Innerschweizer über eine unglaubliche Flexibilität und Offenheit sowie über einen Drang, sich vorwärts zu bewegen. Festgestellt habe ich das erst, als ich ins Berner Oberland zog, wo alles etwas traditioneller und kleinräumiger ist. Von dieser Offenheit fürs Neue, auch fürs Unkonventionelle, konnte ich wiederholt profitieren.

Was haben Sie von der weiten Welt in die Schweiz mitgenommen?
Immer wieder bewundernswert finde ich, wie Menschen quasi aus dem Nichts heraus respektive aus Dingen, die wir längst weggeworfen hätten, etwas kreieren. Auch die grosse Hilfsbereitschaft schätze ich sehr. Mir scheint, dass wir in der Schweiz teilweise mehr verunmöglichen als wir ermöglichen.

«Aufgeben, weil der Körper nicht mitmacht, das war hart. Auch wenn man weiss, dass man sich richtig entschieden hat, das sind schwierige Momente im Leben.»

Sie wohnen heute im Berner Oberland, warum der Wegzug von Luzern?
Aus beruflichen Gründen waren vier Monate im Berner Oberland geplant. Doch, wie das halt so geht, lernt man jemanden kennen. Und als die Beziehung auseinanderging, blieb ich wegen der Skitouren- und Klettermöglichkeiten dort und wegen der neu gewonnenen Freunde. Die starke Bindung zur Innerschweiz wie auch die alten Freundschaften habe ich jedoch aufrechterhalten. Daher bin ich sehr häufig hier und habe auch meine Firma, die Evelyne Binsack Outdoor GmbH, in Hergiswil gegründet. Ich bin wöchentlich in der Innerschweiz, bei meiner Mutter, bei meiner Schwester.

Höhenangst ist für Sie selber sicher ein Fremdwort. Doch wie gehen Sie damit um, wenn einer Ihrer Kunden darunter leidet?
An einem exponierten Grat kommt es ab und zu vor, dass ein Gast Höhenangst bekommt. Ich führe ihn dann sehr straff am Seil, das gibt schon mal Sicherheit. Zudem rate ich, dass der Gast auf meine Fersen schaut und nicht in den Abgrund. So klappt das meistens recht gut. Bei Menschen mit allgemeiner Höhenangst bleibt nur, die Route entsprechend zu wählen. So können auch sie hochgelegene Ziele erreichen.

Sie gehen auf die 50 zu – beeinflusst das Alter die Art der Herausforderungen, die Sie angehen?
Im Alpinismus- oder Abenteuerbereich gibt es verschiedene Phasen. Im Alter von 15 bis 30 oder 35 Jahren ist man in der Sturm-und-Drang-Phase und hat bereits ein paar Katzenleben vergeben. Etwa, weil man einen Absturz oder eine Lawine überlebt hat. Das prägt. Und mit zunehmendem Alter ist man dann nicht mehr so wild auf das ganz schräge Zeugs, sondern mehr auf kreative Ziele. Man besteigt einen Berg in der Antarktis oder nimmt sich unterwegs genügend Zeit, um Volk, Land und Kultur kennenzulernen.

Sie führen ein spannendes Leben – was ist der Preis dafür?
Der liegt vor allem in der fehlenden materiellen Sicherheit. Ich hab kein festes Einkommen, das muss ich mir immer wieder neu generieren mit kreativer Tätigkeit am Berg. Wenn ich will, kann ich in den Bergführerberuf zurück. So gibt es immer wieder Möglichkeiten, aber so ein abenteuerliches Leben geht auf Kosten eines festen Einkommens. Das muss man aushalten können.

Welche Wagnisse haben Sie sich für die nächste Zeit vorgenommen?
Vielfach verstehen die Leute nicht, dass sich Expeditionsziele organisch entwickeln und nicht auf einen Schlag da sind. Die Besteigung eines 8000ers ist was anderes – das ist jetzt nicht despektierlich gemeint, denn die Besteigung verlangt alles von einem –, aber in zwei Monaten ist man wieder zu Hause. Die grossen Expeditionen hingegen dauern ein halbes, ein ganzes oder anderthalb Jahre, was eine andere Entschlossenheit voraussetzt. Deswegen mach ich das auch nicht alle zwei oder vier Jahre, sondern habe Abstände von sieben bis acht Jahren. Die Zeit brauche ich für die mentale Vorbereitung, um die Herausforderung dann auch bestehen zu können.

Aber in welche Richtung könnte es gehen?
Es geht bestimmt wieder in die Kälte. Doch auch wenn mir die Antwort auf der Zunge liegt, will ich sie noch nicht aussprechen. Ich muss mir selber zuerst sicher sein, dass ich mich wirklich mit dem Projekt verheiraten will, bevor ich darüber rede.

www.binsack.ch

Kategorie:

freizeit, sport, story

TEILNEHMEN, GEWINNEN, GENIESSEN

Fliegen Sie zu Ihrem Wunschziel mit KLM!

Zum Wettbewerb

Weitere Artikel