UNTERWEGS MIT HUBERT AUDRIAZ

«In Freiburg lebt der Traum»

Text: Nathalie Zeller / Bilder: Jürg Waldmeier /

Seine Energie, seine Lebensfreude und seine Ideen sind einzigartig: Der Künstler Hubert Audriaz, auch genannt «der kleine Teufel», prägt Freiburg wie kein Zweiter. Er nimmt uns mit auf einen Stadtrundgang voller Mythen, Legenden und Träume.

Sie sind in der Freiburger Unterstadt geboren, sind hier aufgewachsen und leben heute noch hier. Was bedeutet Ihnen Freiburg?
Freiburg ist eine aussergewöhnliche Stadt mit aussergewöhnlichen Menschen. Freiburg steht für mich für meine Kindheit, die einzigartig war. Insbesondere die Altstadt gehörte den Kindern, denn wir konnten alles machen. Deshalb mache ich auch heute noch, was ich will (lacht).

Früher war das Verhältnis Unter-/Oberstadt gespalten. Wie ist es heute?
Früher gab es eine grosse Diskrepanz zwischen arm und reich. In der Unterstadt hatten wir nichts. Die Reichen genügten sich selber. Wir sahen den Unterschied zum Beispiel in den Kleidern, als wir zur Schule gingen. Heute hat sich dies ausgeglichen. Noch nicht allzu lange her, beschlossen die Behörden, die Unterstadt in Altstadt umzubenennen, weil das besser töne. Das ist Blödsinn. Die Unterstadt bleibt die Unterstadt.

Als Bewohner der Unterstadt gehören Sie zu den Bolzen. Welche Bedeutung hat diese Bezeichnung für Sie und die Unterstädter?
Die Bolzen waren die Armen in der Unterstadt. Der Bolz ist ein bisschen wie ein Krieger: Er sagt, was er will, und macht, was er will. Ich bin ein perfektes Exemplar eines Bolzen.

Man nennt sie hier auch «le petit diable». Warum?
Ich bin ein kleiner Teufel, aber ein guter! Ich muss bei meinem Alter kein Vorbild mehr sein, ich kann machen, was ich will – das gefällt nicht allen gleich gut. Ich mache viel auf Eigeninitiative hin. Zum Beispiel habe ich in der Tour de Berne Skulpturen aufgehängt und Ausstellungen gemacht. Die Stadt hatte immer Angst, dass dabei etwas passieren könnte, weil im Innern des Turmes vieles alt und morsch ist. Schlussendlich hat man es mir verboten. Aber wenn man immer Angst hat, entsteht nichts. Auch beim Schlafen kann Ihnen die Decke auf den Kopf fallen...

«Auch beim Schlafen kann Ihnen die Decke auf den Kopf fallen.»

Obwohl Sie ein Querdenker sind und zum Teil nach eigenen Regeln leben, pflegen Sie ein gutes Verhältnis zu den Behörden, arbeiten im Auftrag von Freiburg-Tourismus. Wie gelingt Ihnen dies?
Mit der Stadt, dem Tourismus und den verantwortlichen Leuten habe ich ständig Kontakt, weil ich Ideen habe. Ich benötige deren Einverständnis, ab und zu müssen sie mir Türen öffnen – die dann oft ein Leben lang offen bleiben. Ich arbeite auch viel für die Stadt. Zum Beispiel habe ich für die Eröffnung der Poya-Brücke die Zeremonie mitgestaltet. Ich habe dafür Kühe aus Kunststoff realisiert, denn Poya steht bei uns gleichbedeutend für Alpaufzug.

Kinder ziehen sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben, Sie wirken auch selber noch kindlich fasziniert. Was bedeuten Ihnen Kinder?
Kinder haben Träume und eine riesige Fantasie. Beides verlieren wir als Erwachsene leider oft. Ich versuche, die Menschen wieder zum Träumen zu bringen, indem ich Legenden und Mythen lebendig mache. In Freiburg lebt der Traum.

Sie arbeiten viel und gerne mit Kindern – den Ferienpass gibt es seit über 30 Jahren und daraus entsteht auch jedes Jahr ein Parcours. Wie ist das Projekt entstanden?
Die Kinder der Unterstadt hatten im Sommer nichts zu tun. Damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen, habe ich den Ferienpass gegründet. Dies war vor 38 Jahren. Es gibt heute Eltern, die mich darauf ansprechen, dass sie als Kinder auch schon teilgenommen haben am Ferienpass und jetzt ihre eigenen Kinder schicken.

Wie unterscheidet sich der Ferienpass von anderen Angeboten in der Schweiz mit gleichem Namen?
Ich kenne nicht alle anderen Angebote, aber ich weiss, dass es bei einigen verschiedene Aktivitäten gibt, wie zum Beispiel die Besichtigung eines Spitals, der Feuerwehr, etc. Bei mir gestalten und kreieren die Kinder einen Parcours, der im September/Oktober der ganzen Bevölkerung offen steht. Dieses Jahr ist das Thema «Schneewittchen» – aber natürlich wird die Inszenierung einzigartig und ungewohnt. Lassen Sie sich überraschen!
 

«Wenn meine Idee weiterlebt, ist das prima. Geld interessiert mich nicht.»

Sie haben einen Golfparcours quer durch die Stadt angelegt. Woher nahmen Sie diese Idee?
Golf war ein Sport der Reichen. Daher wollte ich ihn für die Ärmeren zugänglich machen. Ich habe einen Parcours zwischen L’Auge und Neuville entwickelt. Freunde haben mich dabei unterstützt. Der eine kaufte die Bälle, der andere die Schläger. Ich wollte damit zeigen, dass man alles realisieren kann, es braucht bloss Kreativität – und viel Bescheidenheit. Es kamen Leute aus China und überall her, weil sie es wahnsinnig toll fanden, dass man innerhalb einer Stadt golfen kann. Nun hat Freiburg Tourismus das Konzept übernommen – und macht damit Geld. Sie wollten mir etwas dafür geben, aber eine Idee ist eine Idee. Ich bin der Ansicht, wenn eine Idee weiterlebt, ist das prima. Geld interessiert mich nicht.

Der Drache ist das Maskottchen des HC Fribourg-Gottéron: Wie kam und kommt er an?
Die Idee des Drachens als Logo kam schnell gut an. Als ich dann aber mit der Idee kam, einen Drachen zu machen, aus dessen Rachen die Spieler auf’s Eis fahren, dachte der Präsident zuerst, ich sei verrückt. Heute ist der Drache das nicht mehr wegzudenkende Symbol des Clubs. Nach seiner Einführung ging es nicht lange, da rief mich der Präsident des SC Bern* an und bat mich, für sie einen Bären zu machen. Ich winkte lachend ab – ich kann das doch nicht für jeden Club machen! Er wollte mir Geld bieten, aber ich erzählte ihm, dass mir Fribourg-Gottéron kein Geld gibt, sondern ich pro Heimspiel 15 Eintritte bekomme, damit Kinder mit mir einen Match besuchen können. Er bot mir an, die Kinder mit einem Car abzuholen und nach Bern zu fahren – aber die Kinder wollen doch nicht Bern spielen sehen, die wollen Fribourg-Gottéron sehen!

*Korrigendum: Auf Seite 5 der gedruckten Ausgabe von MyCard 2/15 steht «HC Bern» – gemeint ist natürlich der «SC Bern».

Kategorie:

freizeit, kultur, story

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