Unterwegs mit Stéphane Chapuisat

«Es machte mir immer Freude, auf dem Platz zu stehen»

Interview: Nathalie Zeller / Video: Crafft / Bilder: Jürg Waldmeier

In Lausanne begann seine Fussballkarriere, nach Lausanne zieht es Stéphane Chapuisat immer wieder zurück. Es ist auch die Stadt seiner Kindheit und seiner Familie. Im Interview äussert sich Stéphane Chapuisat zu seiner Karriere, zu seiner Motivation und zu seiner Sicht auf Lausanne.

Der Ball und das Fussballspiel haben Sie seit jüngster Kindheit begleitet. Gab es nie Augenblicke, in denen Sie etwas anderes machen wollten?
Mein Vater und mein Grossvater waren Fussballspieler. Sie weckten in mir früh die Leidenschaft zum Fussball. Am Anfang hatte ich bloss den Traum, in Lausanne in der ersten Mannschaft zu spielen. Als die Karriere dann einen guten Verlauf nahm, wollte ich nie mehr etwas anderes machen.

Woher holten Sie sich die tägliche Motivation?
Als ich jung war, gab es den Beruf «Fussballprofi» noch nicht. Die meisten Fussballer arbeiteten für den Lebensunterhalt in einem anderen Beruf zu 50 oder sogar 100 Prozent. Den Begriff des Profifussballers, wie wir ihn heute kennen, gibt es erst seit 1986/1987. Als Jugendlicher war meine grösste Motivation, einmal im Stadion von Lausanne einzulaufen. Erst als ich mit 18 Jahren meine KV-Lehre erfolgreich abgeschlossen hatte, habe ich auf die Karte Fussballprofi gesetzt – und das war ich dann auch 18 Jahre lang (lacht).

Welche «Opfer» mussten Sie – gerade als Jugendlicher – für Ihre Karriere erbringen?
Für Fussballer sind die Wochenenden sehr wichtig, denn da finden die Matchs statt. Meine Freunde hingegen gingen in den Ausgang, da konnte ich nicht dabei sein, denn ich musste früh ins Bett, um fit zu sein. Ich sah dies aber nicht als Opfer, denn es machte mir immer Freude, auf dem Platz zu stehen. Und ich war stolz darauf, dass sich mein Einsatz auszahlte.

Gab es neben Ihnen selber auch weitere Personen, die «Opfer» bringen mussten?
Meine Mutter war eine grosse Unterstützung und immer an meiner Seite. Sie war für mich da, hat mich zu den Trainings und Matchs gefahren und viel Wäsche gewaschen. Es war sicher eine Erleichterung, dass sie sich das Fussballerleben schon von der Karriere meines Vaters her gewohnt war, aber sie war und ist auch heute noch eine sehr wichtige Person in meinem Leben.

«Meine Freunde hingegen gingen in den Ausgang, da konnte ich nicht dabei sein, denn ich musste früh ins Bett, um fit zu sein.»

Insbesondere zu Ottmar Hitzfeld hatten Sie eine enge Beziehung, man spricht sogar von Seelenverwandtschaft. Wie stehen Sie dazu?
Hitzfeld und ich kamen 1991 gemeinsam nach Dortmund. Da er lange Jahre in der Schweiz lebte, wurde auch er zu Beginn als Schweizer gesehen. Wir schafften gemeinsam den Durchbruch, das schweisst zusammen. Er gab mir viel Unterstützung und grossartige Chancen, die ich mit guten Resultaten zurückgeben konnte. Ich rechne ihm auch hoch an, dass er mir den Platz in der Mannschaft freihielt, als ich wegen einer Verletzung einige Monate ausfiel. Wir erlebten grossartige Momente zusammen, haben zweimal den Meistertitel und einmal die Champions League mit Dortmund gewonnen – das prägt.
 
Welches waren die wichtigsten Erfolge in Ihrer Karriere?
Da gibt es sehr verschiedene. Angefangen bei den kleinen Erfolgen, die damals – und auch heute noch – grossen Stellenwert für mich hatten, wie zum Beispiel der Aufstieg mit Malley. Dann die Erfolge in Dortmund und in der Nati, die eine grössere Ausstrahlung hatten und auch unvergesslich schön waren, bis hin zum Schweizer Meistertitel mit GC. Alle Erfolge, die man als Spieler erleben darf, sind speziell. Man arbeitet ein Jahr lang dafür und wenn man den Erfolg dann ernten darf, ist das die grösste Belohnung.
 
Wie ist es für Sie heute, nach all den Jahren im Rampenlicht, wieder ein weniger öffentliches Leben zu führen?
Rampenlicht gehört dazu. Als Schweizer braucht man dies allerdings nicht unbedingt, denn hier ist das Rampenlicht nicht so gross. Deutschland ist da eine andere Bühne. Die Erfolge dort waren grossartig, einmalig und unvergesslich – ich war aber auch froh, wieder in die Schweiz zurückzukommen. Rampenlicht ist ein Teil vom Job, aber ich hoffe, dass ich immer noch derselbe geblieben bin. Jedenfalls habe ich immer noch engen Kontakt zu meinen Freunden von früher, was für mich sehr wichtig ist. Vor 30 Jahren haben wir zusammen bei den Junioren des FC Malley gespielt, heute spielen wir wieder zusammen – einfach bei den Senioren.

«Rampenlicht ist ein Teil vom Job, aber ich hoffe, dass ich immer noch derselbe geblieben bin.»

Wer ist Stéphane Chapuisat ausser Fussballer?
Das müsste meine Frau sagen (lacht). Ich bin ein grosser Familienmensch und verbringe gerne Zeit mit meiner Frau und den Kindern. Aber natürlich hat Fussball auch heute noch einen sehr prominenten Platz in meinem Leben.

Sie haben einen kleinen Jungen. Teilt er Ihre Leidenschaft zum Fussball?
Alle meine Kinder haben eine Leidenschaft für Fussball. Sie kommen gerne an die Matchs und fanen mit. Mein Sohn ist erst 3 Jahre alt, spielt aber schon gerne mit dem Ball. Dies freut mich, aber ich lasse es auf uns zukommen, was daraus wird. Wenn er von sich aus spielen will, habe ich nichts dagegen, ich werde ihn aber sicher nicht zwingen.

Sind Karrieren wie Ihre heute überhaupt noch möglich?
Es ist sicher eine andere Generation. Heute haben Junge das Ziel im Kopf, Fussballstar zu werden, und meinen, sie müssten dafür nichts tun. Dabei muss man sehr hart dafür arbeiten und auch leiden können. Wenn ich heute zwei Spieler vor mir hätte, von denen einer Talent, aber nicht den nötigen Biss hat, und einen, der weniger Talent hat, dafür hart arbeitet, so setzte ich auf den letzteren, denn der wird es eher zu Erfolg bringen als der erste.

«Ich habe meine ganze Jugend in Lausanne verbracht und kenne alle Ecken wie meine Westentasche, daher bedeutet mir die Stadt sehr viel.»

In Ihrer Biografie steht, dass Sie zur richtigen Zeit von den richtigen Menschen umgeben waren und dass Ihr Elternhaus viel zu Ihrem Erfolg beigetragen hat. Was können junge Fussballer aus Ihrem Weg lernen?
Man braucht Leidenschaft für Fussball. Man muss trainieren, sich verbessern, hart arbeiten. Erfolg wird einem nicht in die Wiege gelegt. Wir geben den Jungen Tipps, versuchen, ihnen klarzumachen, dass eine erfolgreiche Karriere mit vielen Anstrengungen verbunden ist. Viele kapieren das. Und wenn es einer dann schafft, habe ich Freude, dass er es erreicht hat.

Sie sind Botschafter von Pro Juventute und FIFA-Botschafter für die SOS-Kinderdörfer. Was möchten Sie Kindern im Allgemeinen als Botschaft mit auf den Weg geben?
Sie sollen wissen, wie wichtig es ist, eine Lehre oder Schule zu machen, damit man etwas in der Hand hat, falls der eigene Traum nicht in Erfüllung geht. Es gibt nicht nur einen Weg im Leben. Man soll in etwas investieren, das man gerne macht, und selber etwas aufbauen.

Seit früher Kindheit sind Sie es gewohnt, umzuziehen und in anderen Städten/Ländern zu leben. Was schätzen Sie an Ihrer Heimatstadt Lausanne?
Ich habe meine ganze Jugend in Lausanne verbracht und kenne alle Ecken wie meine Westentasche, daher bedeutet mir die Stadt sehr viel. Auch lebt ein grosser Teil meiner Familie hier, ein weiterer Grund, weshalb ich immer wieder gerne zurückkomme. Zudem verbinden mich viele Erinnerungen mit Lausanne, angefangen natürlich beim Stade olympique (lacht). Es ist eine olympische Stadt, die sehr viel bietet.

Wo in Lausanne erholen Sie sich am besten?
Am besten erhole ich mich bei meiner Familie, bei den vielen kleinen Familienfesten bei meiner Mutter. Gerne flaniere ich in Ouchy oder treffe mich mit Freunden in der Stadt, wo wir in Flon etwas essen gehen.

Welche Orte in Lausanne würden Sie ausländischen Freunden zeigen, wenn diese Sie besuchen kämen?
Es kommt darauf an, in welcher Jahreszeit sie kommen. Sicher das Quartier Flon, die Altstadt und die Kathedrale. Dann auch den Platz Saint-François mit dem Hotel Palace, den vielen Gässchen und den Läden. Ouchy am See, wo man flanieren und im Sommer ein Eis essen kann. Weiter das olympische Museum und – wenn es meine Gäste wären – natürlich das Stadion. Es wurde für die WM 1954 gebaut. Es ist zwar nicht mehr so modern, für mich aber ein sehr wichtiger Ort.

Kategorie:

freizeit, sport, story

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