Freizeit

Angeln im Extremen

Text: Thomas Wyss / Bilder: www.rundumfisch.com & www.mountain-flyfishing.com

Die Region rund um Bellinzona gilt bei Bergseefischern als Geheimtipp. Annäherung an eine wunderbar eigenwillige Freizeitbeschäftigung.

«Angeln ist die einzige Philosophie, von der man satt werden kann», sagte vor Jahrzehnten der weitgereiste deutsche Arzt und Schriftsteller Peter Bamm. Zweifellos weist das Fischen, wie man die Freizeitbeschäftigung hierzulande nennt, philosophische Züge auf: Den Köder in den sanft wogenden Wasserteppich abgesenkt, umzingelt von der Stille der Natur, sind schon manchem die existenziellsten Gedanken und Lebenslösungen durch den Kopf gegangen.

Weitaus anspruchsvoller ist die dem lauschigen Angeln verwandte Disziplin des Bergseefischens. Nicht nur kann im Gebirge die Witterung oft binnen Stunden radikal umschlagen, auch ist die Saison, in der das Bergseefischen überhaupt möglich ist, sehr kurz: Je nach Strenge des Winters liegt bis tief in den Frühling oder gar Frühsommer hinein Schnee auf den Bergen. Manche Gewässer sind dann noch zugefroren. Und ab Mitte Herbst ist das spezielle Vergnügen bereits wieder vorbei.

«Angeln ist die einzige Philosophie, von der man satt werden kann».

Peter Bamm, Schriftsteller und Arzt

Hobby mit eigenen Regeln
Hinzu kommt, dass Bergseefischer gemäss dem erfahrenen Fischtouren-Guide Daniel Luther ziemlich zähe Wandersleute sein müssen – insbesondere dann, wenn sie ihr sportives Hobby in der Region von Bellinzona ausüben möchten: «Der mehrstündige Fussmarsch gehört da schlicht dazu. Und wenn man sein Ziel in der Dämmerung erreicht haben will, sollte man je nach Distanz zwischen zwei und vier Uhr morgens aufbrechen.» Was bedeutet, dass man den grössten Teil des Weges in der Dunkelheit zurücklegt – und das nicht selten mit einem schweren Rucksack am Rücken, da man ja auch das Zelt für die Übernachtung und ein Gefäss für die gemachte Beute mitschleppen muss.

Die Ankunft im Morgengrauen sei aber zentral, sagt Luther, und zwar aus zwei Gründen: «Erstens ist das Wasser in Bergseen meistens glasklar, zweitens fehlt da oben eine natürliche Geräuschkulisse. Bei diesen aussergewöhnlichen Bedingungen werden die Fische instinktmässig misstrauisch und tauchen ab. Die Morgen- oder auch die Abenddämmerung haben gegenüber dem Tageslicht immerhin den Vorteil, dass die Fische den Köder nicht als solchen erkennen.» Gleichwohl könne es passieren, dass man alles Notwendige berücksichtigt hat, und trotzdem ohne Fang abzotteln muss: «Das Bergseefischen hat seine eigenen Regeln, es ist in jeder Beziehung anderes, man könnte auch sagen extremer.»

Ein Gewässer wie eine Fata Morgana
Fischerei-Experte Luther, der zusammen mit seinem Kollegen Lukas Bammatter auch die Plattform www.rundumfisch.com betreibt, will damit zum Ausdruck bringen, dass Bergseefischer aus besonderem Holz geschnitzt sein müssen. Was man auch in den raren Internetforen und Blogs zum Thema bestätigt sieht. Ein schwärmerisches Beispiel von einem Bellinzoneser Bergsee gefällig? «Nach strengem Aufstieg und ziemlich am Ende meiner Kräfte erreichte ich den Lago di Canee, der bei der Ankunft im Dunkeln lag. Etwa eine Stunde später ging die Sonne auf. Als ich nun das türkisfarbene Gewässer betrachtete, wie es da eingebettet in graugrüner Gesteinskulisse vor sich hindöste, kam es mir vor wie eine Fata Morgana ... eine Fata Morgana einer traumhaften Oase. Vor Ergriffenheit kamen mir glatt die Tränen.»

Luther betont, dass gerade die Tessiner Bergseen besonders gut betreut sind: «Die Kontrolle des Fischbestandes und des Wassers sowie die Umgebungspflege wird hier meist freiwillig von Einheimischen verrichtet. Dieses vorbildliche Verhalten wirkt sich auch positiv auf die Qualität des Fangs aus.» Deshalb, und weil man im Tessin mit nur einem Saisonpatent alle Bergseen beangeln dürfe, gälten die Gewässer im Quellgebiet der Maggia, an der Südflanke des Gotthards und rund um Bellinzona bei Kennern als Geheimtipp. Zu den letztgenannten Seen gehören neben dem erwähnten Lago di Canee (2198 m. ü. M.) auch der Lago Tremorgio (1851 m. ü. M.) und der Stausee Lago Luzzone (1590 m. ü. M.).

«Es mag seltsam klingen, doch es war fast ausnahmslos der Mensch, der dafür verantwortlich war, dass die Fische in die Bergseen kamen.»

Daniel Luther, Fischerei-Experte

Wie kommen Fische in Bergseen?
Doch welche Fischarten überleben überhaupt in einem solch rauen Klima? Luther sagt, am häufigsten finde man die einheimische Bach- und Seeforelle, den Seesaibling und die nordamerikanische Regenbogenforelle. «Und nicht zu vergessen der kanadische Seesaibling. Als Vertreter der subarktischen Art ist dieser Fisch geradezu ideal an die kargen Bedingungen angepasst, deshalb kann er in Tessiner Bergseen bis zu einem Meter Länge und ein Gewicht von 10 bis 12 Kilogramm erreichen.»

Ein letztes Rätsel bleibt: Wie kamen die Fische überhaupt in die Bergseen, die ja oft weder Zu- noch Abflüsse haben? Luther lacht: «Es mag seltsam klingen, doch es war fast ausnahmslos der Mensch, der dafür verantwortlich war.» Bereits im Mittelalter hätten Mönche die Fische in Bergseen ausgesetzt und auf deren Vermehrung gehofft. «Für sie war das oftmals die einzig Eiweissquelle ihrer Ernährung.»

Infos
Daniel Luther und Lukas Bammatter geben auf ihrer Informationsplattform Tipps aller Art und beantworten Fragen. Zudem bieten sie als Guides Einführungen und Touren an.

Links
www.rundumfisch.com

Auf der Website des bekannten Schweizer Fischermagazins findet man die Rubrik «Fischer-Info-Center», die zu jedem Kanton die wichtigsten Angaben und Infos sowie Gewässerkarten veröffentlicht.
www.petri-heil.ch

www.1000fliegen.ch

Kategorie:

freizeit, natur, sport

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