ERMITAGE IN ARLESHEIM

Ein Garten lässt Besucher die Natur erleben

Text: Hugo Vuyk / Bilder: zvg

Die Ermitage in Arlesheim gehört zur Region Basel wie der Rhein, die Fasnacht oder die Römerstadt Augusta Raurica. Was den historischen Landschaftsgarten auch heute relevant macht, ist das Spannungsfeld zwischen der Natur, dem Menschen und der Gesellschaft. Drei Kenner der Ermitage erzählen, was den Garten für sie einzigartig macht – und vielleicht auch für Sie nach Ihrem Besuch.

Die öffentlich zugängliche, rund 40 Hektaren grosse Ermitage von Arlesheim wurde 2006 mit dem Schulthess-Gartenpreis ausgezeichnet – ein Ausdruck der Wertschätzung, welche der 1785 angelegte Landschaftsgarten auch heute noch erfährt. Der damalige Domherr Heinrich von Ligertz und seine Cousine Balbina von Andlau, die Frau des Landvogtes von Birseck, erkannten die aussergewöhnliche Schönheit der Landschaft in Arlesheim und brachten diese in der Anlage eines englischen Landschaftsgartens zum Ausdruck. Die Geschichte des Gebiets beginnt allerdings viel früher: Die Ursprünge des aussergewöhnlichen Fleckens Natur, 15 Minuten südlich der Stadt Basel, reichen zurück bis zur Entstehung des Oberrheingrabens im Tertiär- und Quartärzeitalter: Verschiebungen der tektonischen Platten verursachten zahlreiche Bruchlinien – kleine Verwerfungen, die vom Wasser ausgewaschen wurden. So entstand die an Höhlen reiche Hügellandschaft, die den Landschaftsgarten in Arlesheim auszeichnet.

Ansteckende Begeisterung
Der Garten zieht viele Leute in seinen Bann. Unter anderen auch Vanja Hug, Historikerin, Bruno Baumann, ehemaliger Präsident des Verkehrsvereins Arlesheim, und Karl Martin Tanner, Biologe und Geograf – alle drei geben ihren persönlichen und fachlichen Zugang zur Ermitage sowie ihre Begeisterung für den Landschaftsgarten im Rahmen von Führungen an Besucher weiter.

So hat es sich Bruno Baumann, der schon als kleiner Junge in der Ermitage Verstecken spielte, zur Aufgabe gemacht, möglichst viel über ihre Geschichte zu lernen. Baumann, bis zu seiner Pensionierung Leiter der Handelsabteilungen einer Basler Privatbank, erörtert besonders gerne den Vergleich zwischen der damaligen und der heutigen Landschaft und nimmt die Besucher mit auf eine Reise durch die Geschichte Europas. So schlägt Baumann den Bogen zwischen den Funden römischer Münzen in Arlesheim und heutigen Zahlungsmitteln: «Wussten Sie, dass der Euro keine neue Erfindung ist? Schon zu Zeiten der Römer gab es eine einheitliche Währung von Afrika bis Nordeuropa.» Arlesheim ist reich an Geschichte, denn die Region ist seit dem Mesolithikum, also der Mittelsteinzeit, bewohnt. Archäologen fanden in der Ermitage zum Beispiel die älteste neolithische Bestattung der Schweiz.

Die kulturelle und gesellschaftliche Relevanz der Ermitage zeigt sich besonders deutlich ab Mitte des 18. Jahrhunderts, wie Vanja Hug, die als Historikerin über die Ermitage promovierte, erklärt. Damals gehörte Arlesheim noch zum sogenannten Fürstbistum Basel, das Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war. Die geistliche und weltliche Führungsschicht, die in Arlesheim residierte, bestand aus Adeligen, die internationale Kontakte pflegten und insbesondere nach Frankreich orientiert waren. «Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass die Mode der jardins anglo-chinois (das Anlegen von natürlich erscheinenden Gärten), die ab etwa 1770 aufkam, auch das Fürstbistum Basel erfasste», erläutert Hug, die den Garten ebenfalls seit ihrer Kindheit kennt.

Die Landschaft als Zeitzeuge
Die Art und Weise, in welcher die Ermitage als Landschaftsgarten angelegt wurde, ist eine bleibende Spur, welche die Aufklärung hinterlassen hat. Die strenge geometrische Ordnung der französischen Gärten wurde fallengelassen, um sich, wie vom Philosophen Jean-Jacques Rousseau gefordert, wieder der Natur zuzuwenden.

Wie sich gesellschaftliche Tendenzen in der Inszenierung der Natur widerspiegeln, dafür interessiert sich Karl Martin Tanner besonders. So weist er auf die literarischen Zeugnisse hin, welche in der Ermitage mit der natürlichen Landschaft verbunden wurden: «In der Ermitage finden sich Verbindungen zur römischen und griechischen Mythologie oder Motive aus der Literatur des 18. Jahrhunderts wie der Idyllendichtung von Salomon Gessner – man merkt, dass die Natur der Ermitage an vielen Orten sanft verändert und mit kulturhistorischen Assoziationen quasi aufgeladen wurde.» Auch Vanja Hug ist überzeugt, dass es «die Natur» nicht einfach gibt, sondern dass sie vom Menschen immer wieder neu definiert wird. Diese Definitionen durch den Menschen haben sich im Lauf der Geschichte gewandelt und waren in der Ermitage immer wieder spürbar.

Schützenswerte Oase
Heute sind für Bruno Baumann Wechsel in Flora und Fauna der Ermitage augenscheinlich. Das hat nur zum Teil mit Umweltveränderungen zu tun: Oft waren es bewusste Eingriffe des Menschen, um mittels Holzfällaktionen Sichtachsen zu schaffen, die Anlage speziell zu inszenieren oder zu restaurieren, wie nach der teilweisen Zerstörung der Baulichkeiten während der Französischen Revolution.

Dass der Umgang mit der Ermitage und ihrer natürlichen Umgebung viel über die jeweilige Gesellschaft aussagt, darin sind sich die drei Kenner einig. Bruno Baumann erwähnt zum Beispiel, die jungen Besucher würden heute in der Schule viel über die Umwelt und die Natur lernen – wirklich erlebt hätten sie diese aber noch selten. Über die Fragen, wie die Natur im Landschaftsgarten inszeniert werden soll und wie man sie der Öffentlichkeit zugänglich machen kann, macht man sich heute gemäss Karl Martin Tanner wieder mehr Gedanken: «Seit es die Stiftung Ermitage Arlesheim und Schloss Birseck gibt, ist dieses Thema wieder aktueller geworden.» Behandelt wird es unter anderem im Rahmen eines im Auftrag des Kantons Basel-Landschaft erarbeiteten Nutzungskonzepts.

Dieses Konzept zielt darauf, die Ermitage so zu unterhalten, dass sie den verschiedenen Anspruchsgruppen und Nutzungen gerecht wird. Einzelne Spaziergänger, Schulklassen und Familien profitieren vom Landschaftsgarten als ruhigem Rückzugsort oder spannender Natur- und Denkmallandschaft. Die Ermitage ist denn auch ein beliebtes Naherholungsgebiet, das in jeder Jahreszeit seine unterschiedlichen Reize hat, wie die drei Kenner des Gartens einstimmig bestätigen.

Das erwachende Leben, die speziellen Lichteinfälle oder die geologischen Formen, die sich unter einer Schneedecke abzeichnen, sind Gründe, warum die Ermitage das ganze Jahr über beliebt ist. Der Landschaftsgarten in Arlesheim ist aber nicht nur wegen seiner Landschaft und der Natur erhaltenswert, sondern hat auch grosse Bedeutung als historisches und philosophisches Lehrstück, wie Vanja Hug darlegt. Der Garten ist wohl nicht mehr die international bekannte Sehenswürdigkeit, die er Ende des 18. Jahrhunderts war, doch: «Wir können uns mit einer verschwundenen Zeit auseinandersetzen und fragen, was uns die Werte der Aufklärung gegenwärtig bedeuten, welche Werte wir pflegen. So kann die Ermitage auch heute noch zur inneren Einkehr und Besinnung anregen.»

Informationen zur Ermitage und Führungen durch den Landschaftsgarten sowie zu Arlesheim:
www.verkehrsverein-arlesheim.ch

Kategorie:

freizeit, kultur, natur, tipps

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