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Herr über 700 Kilo schwere Diva

Text: Simon Herzer / Bilder: Jürg Waldmeier

Thomas Waldis ist Gartendampfbahnfahrer im Verkehrshaus der Schweiz. Dabei braucht er Feingefühl im Umgang mit seiner Lok, aber auch mit den Fahrgästen.

Unzählige Kinder, die mit der Gartendampfbahn im Verkehrshaus gefahren sind, waren eifersüchtig auf den Fahrer, der gratis den ganzen Tag lang seine Runden drehen darf. Der 26-jährige Thomas Waldis gehört zu den «Glücklichen», denn er ist einer der Gartendampfbahnfahrer im Verkehrshaus. Er fährt dort zwei Tage pro Monat, hauptberuflich arbeitet er bei den SBB. Was für vielfältige Aufgaben sich in seinem besonderen Nebenjob verbergen, dürfte den meisten Besuchern unbekannt sein.

Täglich wird «Climax» herausgeputzt
Denn so lang die Berufsbezeichnung, so verschieden sind die Anforderungen und Tätigkeiten. Idealerweise vereint der Gartendampfbahnfahrer die Kompetenzen mehrerer Berufe auf sich: Ob Kaminfeger, Mechaniker oder Kundenbetreuer – ein Multitalent ist gefragt. Der Arbeitstag des Gartendampfbahnfahrers beginnt mit der ausführlichen Pflege und Vorbereitung «seiner» Lok: putzen, schmieren, Wasser und Kohle auffüllen, einheizen. Insgesamt zwei Stunden nimmt das Prozedere in Anspruch, bis die zehn Bar Betriebsdruck erreicht sind und die Bahn fahrbereit ist.

Genau diese Vielseitigkeit macht für Thomas Waldis den Reiz aus: «Bei einer Dampflok kannst du nicht einfach den Schlüssel drehen und losfahren. Du musst mit Feuer und Wasser umgehen können. Das Zusammenspiel ist sehr heikel. Wenn du zuviel kaltes Frischwasser zugibst, verlierst du zuviel Hitze und damit Betriebsdruck. Schlimmstenfalls bleibt die Lok stehen.» Dass eine Dampflok Zicken machen kann, weiss Thomas Waldis aus Erfahrung. Heute läuft «Climax» – der Name stammt von ihrem amerikanischen Vorbild – jedoch wie geschmiert. Und dies trotz Baujahr 1972.

«Bei einer Dampflok kannst du nicht einfach den Schlüssel drehen und losfahren. Du musst mit Feuer und Wasser umgehen können. Das Zusammenspiel ist sehr heikel.»

700 Kilogramm aus dem Gleichgewicht
Das «Bähnler-Virus» hat Thomas Waldis von der Familie: Der Vater hatte eine grosse Modelleisenbahn zuhause und der grosse Bruder arbeitet bei der Bahn. Zum Fahrer wurde er durch einen Kollegen, der den Job bereits machte und ihn mitnahm. Er hatte so viel Spass, dass er sich engagieren liess. Das war im Jahr 2002, Thomas Waldis war erst 14-jährig! Heute müssen die Fahrer mindestens 18-jährig sein – die meisten sind deutlich älter – und eine Prüfung absolvieren. Es sind Studenten und Pensionierte, Polizisten und Elektromonteure. Insgesamt rund 10 Männer, bis vor Kurzem jedenfalls. Seit Thomas Waldis eine Kollegin angeworben hat, gibt es zum ersten Mal eine Frau im Team.

Und worin besteht der Hauptunterschied zwischen der Tätigkeit als Gartendampfbahnfahrer und jener als SBB-Lok-Führer? «Der grösste Unterschied ist der Kundenkontakt. Bei der Gartendampfbahn bekomme ich die Reaktionen der Gäste hautnah mit, die glänzenden Augen der Kinder. Dafür kann ich bei den SBB ein paar Tonnen mehr bewegen und längere Züge fahren», sagt Thomas Waldis. Wobei auch die Gartendampfbahn nicht ganz leicht ist: 700 Kilogramm bringt sie auf die Waage.

«Bei der Gartendampfbahn bekomme ich die Reaktionen der Gäste hautnah mit, die glänzenden Augen der Kinder. Dafür kann ich bei den SBB ein paar Tonnen mehr bewegen und längere Züge fahren.»

«Zwei Franken für sieben Minuten fahren ist ein sehr fairer Preis. Es gibt Karussells, die drehen sich ein paar Mal im Kreis und sind teurer.»

Zwei Franken für sieben Minuten Vergnügen
Eine Fahrt mit der Bahn kostet zwei Franken, der Preis ist seit Jahren unverändert. An einem guten Tag verkauft das Verkehrshaus 500 bis 600 Billets. Kritik von Eltern, die zusätzlich zum Verkehrshauseintritt nicht nochmals Geld berappen wollen, kontert Thomas Waldis: «Zwei Franken für sieben Minuten fahren ist ein sehr fairer Preis. Besonders, wenn man an die aufwendigen Unterhaltsarbeiten denkt. Es gibt Karussells, die drehen sich ein paar Mal im Kreis und sind teurer.»

Das Verkehrshaus hat noch eine zweite Lok, eine benzinbetriebene für den Sommer, wenn weniger Besucher erwartet werden, und sich der Aufwand für die Vorbereitung der Dampfbahn nicht lohnt. Eine «richtige» Dampfbahn wird jedoch mit Kohle geheizt, das steht für Thomas Waldis fest. Am Abend muss er manchmal zweimal Duschen, damit er den Rauchgestank wieder loswird. Für seinen besonderen Nebenjob nimmt er dies gerne in Kauf.

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