MODELLEISENBAHNANLAGE

Bahnerlebnis ohne Kompromisse

Text: Simon Herzer / Bilder: Jürg Waldmeier

Die Kaeserbergbahn im freiburgischen Granges-Paccot überrascht die Besucher mit ihrer Perfektion bis ins kleinste Detail und einer topmodernen Infrastruktur. Ein Muss für alle Modelleisenbahn-Fans.

Es ist ein schöner Herbstvormittag in der Deutschschweiz der 90er-Jahre, Freitag um punkt 11 Uhr. Die Kinder in St. Jakobstadt haben Pause und vergnügen sich auf dem Schulhof. Auf den Strassen und Baustellen herrscht um diese Zeit Hochbetrieb. Der Circus Knie hat am Stadtrand seine Zelte aufgeschlagen. Die Landschaft und die einzelnen Szenen sind bis ins kleinste Detail der Schweizer Wirklichkeit nachempfunden. Die Modelleisenbahn als Ganzes hat jedoch kein reales Vorbild und auch alle Ortsbezeichnungen sind fiktiv.
 
17 Jahre Planung und Bau
2009 hat die Kaeserbergbahn, oder Chemins de fer du Kaeserberg, im Freiburger Vorort Granges-Paccot eröffnet. 14 Bahnbauer, darunter eine Modellbauerin, haben die Anlage in 17-jähriger Arbeit erschaffen. Die lange Planungs- und Bauzeit wird nachvollziehbar, wenn man sich die Dimensionen der Modelleisenbahn vor Augen führt: Auf über 2 000 Metern Geleisen der Spur H0 rollen 87 einsatzbereite Züge. Insgesamt stehen 300 Lokomotiven und 1 650 Wagen zur Verfügung. 221 Gebäude verteilen sich auf einer Fläche von 610 Quadratmetern.
 
Züge von praktisch sämtlichen bekannten Herstellern rollen auf den Kaeserberger Geleisen. Die meisten von Hag und Roco, weil diese das grösste Angebot an Zügen aus den 90er-Jahren haben. Während es günstige Modelle ab 200 Franken gibt, kosten Lokomotiven von Kleinserienherstellern gut und gerne 3 000 Franken. Allen Zügen gemeinsam ist, dass sie nie exakt wie vom Hersteller geliefert auf die Geleise gestellt werden. Zuerst wird das Äussere farblich «gealtert», es werden Details nachgerüstet und veredelt. Beim TGV und beim Cisalpino wurden sogar Drehgestelle und Motoren ausgetauscht, weil sie den hohen Anforderungen nicht genügten.
 
«Wir wollen den Besuchern das Erlebnis Eisenbahn in höchster Qualität präsentieren», sagt Hans G. Wägli, stellvertretender Direktor und ehemaliger SBB-Pressechef, zur Motivation, die hinter der perfekten Oberfläche der Kaeserbergbahn steckt. Damit dieser Anspruch auch eingelöst werden kann, arbeiten insgesamt 25 Personen für die Kaeserbergbahn, davon 6 Vollzeit. Sie steuern die Züge, pflegen die Anlage und kümmern sich um die Besucher.

Für Reparaturen und Wartungsarbeiten gibt es im Untergeschoss mehrere eigene Werkstätten. Ob Schreinerei, Malerei oder Metallbearbeitung – für jedes Bahnhandwerkerbedürfnis gibt es hier die passenden Apparaturen und Werkzeuge. Essenziell für den langfristig reibungslosen Betrieb der Bahn ist zudem das Ersatzteillager, weil in der Vergangenheit viele Modelleisenbahn-Hersteller aufgekauft wurden oder verschwunden sind, und mit ihnen auch die Ersatzteile. Die Kaeserbergbahnen haben deshalb für die Zukunft vorgesorgt: «Wir haben Ersatzteile für die nächsten 100 Jahre», schätzt Hans G. Wägli optimistisch.
 
Für Marc Antiglio wäre es der Horror, sollte seine Bahn eines Tages wegen einer Panne stillstehen. Deshalb sind – ganz dem Qualitätsverständnis der Kaeserbergbahn entsprechend – die wichtigsten Systeme doppelt vorhanden. Für jeden Zug gibt es zwei einsatzbereite Lokomotiven und auch die Modellbahnsteuerung existiert in doppelter Ausführung. Interessantes Detail für Computernutzer der ersten Stunde: Die Steuerung läuft aus Gründen der Stabilität sowie der Kompatibilität mit Zügen und Weichen weiterhin über das Betriebssystem MS-DOS 3.2 aus den 80er-Jahren.

Schweizer Meister mit Peter Sauber
Da stellt sich die Frage: Wer finanziert das alles? Marc Antiglio stellt sich diese Frage nicht. «Quand on aime, on ne compte pas», pflegt er zu antworten. Der 75-jährige pensionierte Bauunternehmer hat sich mit der Kaeserbergbahn einen Bubentraum erfüllt. Schon als Kind hatte Marc Antiglio zuhause in Freiburg eine Modelleisenbahn. Als diese in späteren Jahren immer grösser wurde und die Nachbarn keine Bahn im Garten wollten, musste er sich nach einem neuen Standort umschauen. Und noch heute schaut er fast täglich bei seiner Bahn vorbei.
 
Die Kaeserbergbahn widerspiegelt in vielerlei Hinsicht das Leben ihres Gründers und Planers. So hat der Name Kaeserberg nichts mit dem Freiburger Vacherin zu tun, sondern er geht zurück auf Willy Kaeser, einen verstorbenen Freund, der die Leidenschaft für die Modelleisenbahn mit Marc Antiglio teilte. Das Interesse des ehemaligen Bauunternehmers an Baustellen ist unschwer zu erkennen und auch der blaue Renault Alpine, der vor einer Garage in Graberegg parkiert steht, hat seine eigene Geschichte: 1970 wurde Marc Antiglio Schweizer Meister in der Kategorie Gran Turismo, gleichzeitig mit Peter Sauber, der im C1 bei den Sportwagen triumphierte.
 
Modelleisenbahn by Night
Besonders stolz sind die Mitarbeiter der Kaeserbergbahn auf das imposante, gläserne Empfangsgebäude, gestaltet vom bekannten Atelier Roger Pfund. Wer also bei Modelleisenbahnen bisher an einen alten, verstaubten Estrich dachte, wird von der topmodernen Anlage überrascht werden und rasch merken: Hier ist nur das Beste gut genug.
 
Nicht nur Kosten, sondern auch ganz viel Arbeit hatte die neuste Attraktion der Kaeserbergbahn zur Folge: Seit Mai 2015 kann die Anlage auf einen Nachtmodus umgestellt werden. Mehrere hundert Lokomotiven und Wagen sowie Gebäude, Strassen und Fahrzeuge mussten extra dafür ausgerüstet und mit LED-Lämpchen bestückt werden. Schon etwas länger gibt es den Fahrsimulator im Untergeschoss. Im Originalführerstand einer Gotthardlokomotive können sich Bahnfans selber als Lokomotivführer versuchen.
 
Sie planen einen Besuch am Kaeserberg? Das müssen Sie wissen!
Die Kaeserbergbahn hat fast jeden Mittwoch sowie an vielen Wochenenden geöffnet. Auf www.kaeserberg.ch finden Sie die aktuellen Öffnungstage. Eine Reservation wird insbesondere für Gruppen empfohlen. Privatbesuche können Sie nach Absprache auch ausserhalb der publizierten Öffnungstage vereinbaren. Der Eintritt kostet 18 Franken für Erwachsene und 10 Franken für Kinder. Für Kinder eignet sich ein Besuch ab ungefähr 7 Jahren. Eine dreistündige Einführung im Fahrsimulator kostet 485 Franken. Alle Informationen vor Ort sind in deutscher und französischer, der Guide auch in englischer Sprache verfügbar.

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