Markt

Im «Wohnzimmer» von Bellinzona

Text: Thomas Wyss / Bilder: Jürg Waldmeier

Der samstägliche Altstadtmarkt gehört zu den schönsten Traditionen des Tessiner Kantonshauptorts. Lässt man sich von Stadtführer Paolo Germann durch das emsige Treiben geleiten, fühlt man sich fast ein bisschen (ein-)heimisch.

Als wir im Tourismusbüro von Bellinzona anriefen und sagten, dass wir einen Marktbesuch planen, dass wir bei dieser Visite aber gern etwas mehr erfahren würden, als es Touristen normalerweise vergönnt ist, hiess es sofort: «Va bene, dann geben wir ihnen Paolo mit.»

Der 68-jährige Paolo Germann ist quasi Teil des «Inventars» der knapp 18’000 Einwohner zählenden Stadt. Man könnte auch sagen: Eines ihrer Originale. Es spielt nämlich keine Rolle, wo wir bei unserem Rundgang gerade durchschlendern oder Halt machen: Immer wieder klopft ihm jemand auf die Schulter, immer wieder heisst es «Ciao bello» oder «Paolo, vecchio mio, comme va?». Und natürlich hat der fidele und sympathische Pensionär für alle eine freundliche Geste oder eine verbale Herzlichkeit bereit. Doch das Wichtigste, das spürt man auf Schritt und Tritt, ist ihm das Wohl seiner Gäste.

«Unsere Vorfahren haben den Mais den Schweinen verfüttert. Dann kamen eines Tages russische Soldaten in die Stadt, und die haben den Mais gekocht und gegessen – daraus ist die Polenta entstanden.»

Wettstreit mit italienischen Nachbarn
Notabene sowohl das leibliche wie auch das geistige, was er oft geschickt zu verbinden weiss. Als wir beispielsweise den Wunsch äussern, fürs Abendessen ein paar Luganighe kaufen zu wollen, führt uns Paolo gezielt zu Donato Mattioli («Da gibt’s die besten»), wobei er uns auf dem Weg dahin auch gleich die Ingredienzen der würzigen Schweinswurst und die nötigen Zubereitungstipps verrät.

Und als wir einmal scheinbar zufällig neben einer grossen Polenta-Pfanne stoppen, erklärt er uns mit gespieltem Stolz, dass man diese Speise im Tessin früher zubereitet habe als in der Lombardei, mit der man seit jeher in einer Art kulinarischem Wettstreit stehe. «Unsere Vorfahren haben den Mais stets den Schweinen verfüttert. Dann kamen eines Tages die russischen Soldaten in die Stadt, und die haben den Mais gekocht und gegessen. Die Ahnen waren zuerst irritiert, haben sich dann aber entschlossen, das auch mal zu probieren – und daraus ist die Polenta entstanden. Bei den Italienern dauerte das etwas länger, dieser Sieg gehört uns.»

«Auf dem Markt dürfen nur Waren verkauft werden, die im Tessin produziert worden sind.»

«Vitrine» für Bauern und Handwerker
Später erreichen wir eine beschauliche Piazza. Ein älterer Akkordeonist spielt eine rassige Tarantella. «Der Markt, das ist quasi unser Wohnzimmer. Hier fühlen wir uns als grosse Familie. Hier entspannen wir uns, auch wenn wir eine schwere Woche hatten. Und hier treffen wir uns, auch wenn wir nicht verabredet sind», sagt Paolo Germann. Dieses «Wohnzimmer» ist rund 1,5 Kilometer lang und führt mitten durch die Altstadt, zu der auch elegante Herrschaftshäuser aus der Renaissancezeit und die barocke Kollegiatskirche gehören.

Markttage gibt es in Bellinzona seit dem Mittelalter. Die Tradition des regelmässigen Samstagsmarkts wurde aber erst 1975 eingeführt, um den Bauern, Handwerkern und Lebensmittelproduzenten aus der Region eine publikumsträchtige «Vitrine» zur Verfügung zu stellen. Einmal pro Jahreszeit kommt zum Samstag dann noch der Sonntag hinzu. Das merkantile Wochenende wird so zum richtigen Stadtfest – mit der Idee, saisonale Spezialitäten wie Käse, Weine und Würste im passenden Rahmen zu zelebrieren.

Anders als in norditalienischen Städten wie Mailand oder Turin, wo Lebensmittel strikt von Handwerkserzeugnissen getrennt werden, betreibt man im Kantonshauptort des Kantons Tessin einen gemischten Mercato. «Allerdings gibt es bei den Nahrungsmitteln eine Einschränkung», erklärt Germann: «Es dürfen nur Waren verkauft werden, die im Tessin produziert worden sind.» Dabei betören die Brote, Früchte, Käse, Konfitüren oder Wurstwaren nicht nur das Auge, sondern auch den Gaumen, weil der Marktbesucher fast immer eine Kostprobe offeriert bekommt.

Uns ergeht es dank der charmanten Marktbegleitung gar noch besser. Paolo hat uns zu Giuseppe Gianocca und damit zu einer immensen Salamiauswahl gelotst. Fachmännisch vergleichen wir nun Esel- mit Ziegen- oder Fenchelsalami, stellen aber bald fest, dass uns «Cinghiale» – jene mit Wildschwein – am meisten entzückt. Und was tut Signore Gianocca? Er bedankt sich bei Paolo, dass er ihm derart nette Kundschaft gebracht habe, und steckt uns zwei Wildschweinsalamis als Geschenk in eine Plastiktüte.

«Der Markt ist quasi unser Wohnzimmer. Hier fühlen wir uns als grosse Familie. Hier entspannen wir uns, auch wenn wir eine schwere Woche hatten. Und hier treffen wir uns, auch wenn wir nicht verabredet sind.»

Kochen für den Papst
Die letzte Station heisst Decristophoris. Der Stand ist sozusagen die Filiale der gleichnamigen Macelleria aus dem nahen Weiler Lumino. Paolo will uns nicht verraten, weshalb er uns hierher geleitet hat: «Das werdet ihr selbst herausfinden.» In der kleinen Vitrine wird eine neue Köstlichkeit angepriesen, «Lardo bagnato in Merlot». Speck, in Merlot gebadet, da können wir natürlich nicht widerstehen. Frau Decristophoris erzählt uns fast beiläufig, dass sie seit 2010 einmal pro Jahr in den Vatikan reise, um für den Papst zu kochen! Sie habe das auch schon für den Bundesrat oder die Tessiner Rockband Gotthard getan, aber für den Heiligen Vater am Herd zu stehen, sei schon etwas ganz Besonderes. Auf die Frage, was sie dem katholischen Oberhirten zubereite, sagt sie: «Hirschragout mit Polenta, das kommt immer gut an.»

Nach den vielen Eindrücken und Genüssen setzen wir uns müde aber zufrieden in ein Piazza-Café, nippen an einem Espresso und hören zu, wie uns Paolo zum Abschluss des vergnüglichen Morgens seine spannende Familiengeschichte schildert. Und merken dabei, dass er es verstanden hat, den Markt von Bellinzona für ein paar Stunden auch zu unserem Wohnzimmer zu machen.

Infos
Paolo Germann stellt sich für kleinere und grössere Gruppen als Stadt- und Marktführer in Bellinzona zur Verfügung. Buchen kann man ihn über die folgenden Kontakte:

www.bellinzonaturismo.ch
paolo.germann@bluewin.ch

Kategorie:

einkaufen, freizeit

TEILNEHMEN, GEWINNEN, GENIESSEN

Interrail-Global-Pässe der SBB gewinnen

Zum Wettbewerb

Weitere Artikel