One Night in Lucerne

Eine äusserst musikalische Stadt

Text: Michael Graber / Fotos: zVg

Luzern ist Musikstadt – dank dem Lucerne Festival und dem KKL geniesst die Leuchtenstadt international einen ausgezeichneten Ruf. Luzern ist aber auch sonst Musikstadt.

Kaum eine andere Schweizer Stadt verfügt über eine solche lebendige und vielfältige Szene. Und was das KKL für den Klassik-Freund, ist der Sedel für den Fan von alternativer Musik. Hier, im ehemaligen Gefängnis über dem Rotsee, läuft eigentlich immer etwas. Über 300 Musiker und Musikerinnen gehen ein und aus und üben und jammen in einer der 54 Zellen, die längst zu Probelokalen umfunktioniert wurden. Es ist alles etwas laut, etwas farbig, etwas chaotisch. Do-it-yourself-Charakter halt, aber mit ganz viel Charme. Ebenfalls angeschlossen ist ein kleiner, aber feiner Club, in dem von Techno bis Rock alles gespielt wird. «Wir können hier den Leuten fast alles zur Verfügung stellen», sagt Adrian Albisser vom Sedel-Vorstand, «alles bis auf die Motivation.»

Aber die ist sowieso reichlich vorhanden. Davon zeugt schon alleine die lange Warteliste für einen Proberaum im Sedel – und das, obwohl die meisten der Zellen doppelt und dreifach belegt sind. Wer einmal im Sedel probt, bleibt meist hier. Das Umfeld inspiriert Musiker und es sind auch schon Bands spontan entstanden, einfach weil man sich im Gang oder beim Getränkeautomaten, der auch Bier im Sortiment hat, getroffen hat. Oder vielleicht gar im Sedel-Shuttle. Das Kulturlokal stellt mittlerweile einen eigenen kleinen Bus, der einen bei Veranstaltungen gratis in den Sedel bringt. Die abgelegene Lage ist für den Sedel zwar lärmtechnisch ein Segen, aber sie schreckt auch viele Besucher ab.

«Ich musste mir zuerst sagen: Jetzt zieh ich das einfach durch. Mit allen Konsequenzen.»

Angel Egli alias Mimiks, Luzerner Rapper

Wer die «Schüür» füllt, hat es geschafft
Deutlich zentraler, nahe beim Bahnhof, liegt die «Schüür». Nach der Fahrt mit dem Sedel-Shuttle ist sie innert zweier Minuten zu erreichen. Die einstige Scheune ist zu einem Konzertlokal umgebaut worden und ist so was wie das Ziel der meisten Luzerner Bands. Wer hier spielt, hat es zumindest zu lokalem Ruhm geschafft. Mit einem Fassungsvermögen von knapp 800 Personen gehört die «Schüür» neben dem KKL zu den grossen Hallen in Luzern. Einer der ganz wenigen Luzerner, dem es in den letzten Jahren gelungen ist, die «Schüür» komplett zu füllen, ist Angel Egli. Besser bekannt als Mimiks hat sich der 22-Jährige aufgemacht, den Schweizer Rap zu erobern. Sein Debüt «VodkaZombieRamboGang» ging direkt auf Platz eins der Albumcharts – damit ist er der erste Schweizer Künstler, der das ohne einen Castingshow-Hintergrund geschafft hat. Schon etwas «sprachlos» sei er gewesen, sagt Egli, der sonst vor allem dafür bekannt ist, dass er unfassbar schnell rappen kann.

Mimiks ist aber eher ein Einzelfall: Grosse nationale Aufmerksamkeit erhalten nur die wenigsten Künstler aus Luzern. Das liegt oft weniger am Talent als an der Entschlossenheit. Oder wie es Egli formuliert: «Ich musste mir zuerst sagen: Jetzt zieh ich das einfach durch. Mit allen Konsequenzen.» Ganz auf die Karte Musik setzen kann er aber dann doch nicht: Er macht weiterhin eine Lehre als Koch. Mimiks hatte aber auch Glück, dass er mit seiner Musik genau den Zeitgeist getroffen hat. «Hip-Hop ist im Moment sehr angesagt», sagt Thomas «Gisi» Gisler, Chef der «Schüür». Lange Zeit war Luzern vor allem für seine Rockbands bekannt, das Magazin «Rockstar» sprach einst gar von der «Rock City Luzern».

Indie-Band spielt an «Bravo Hits»-Party
Und Gitarre, Bass, Schlagzeug sind noch immer klar vorherrschend in der Luzerner Musikszene. Die Einflüsse anderer Spielarten werden aber immer deutlicher: «Die Luzerner Musiker wurden viel verspielter», sagt Gisler. Sprich: mehr elektronische Einflüsse und weniger «gerader» Rock. Aber auch einen weiteren positiven Einfluss sieht Gisler: «Insgesamt nehmen sich die Bands nicht mehr so ernst und trauen sich auch mal, lustig zu sein.»

So war sich etwa die Luzerner Indie-Band der Stunde, Weekend Phantom, nicht zu schade, auch an einer «Bravo Hits»-Party zu spielen. Anstatt Rock gab es Heuler aus den Neunzigerjahren, bunte und nach jüngerem Modegeschmack scheussliche Bühnenoutfits inklusive. Das Ablegen der Ernsthaftigkeit hat aber auch noch einen anderen Grund: Die «alten Helden» der Szene, die vor zehn Jahren noch das Geschehen dominierten, sind fast allesamt in musikalische Pension gegangen. Die Lücken werden von den «jungen Wilden» gefüllt, die mit deutlich weniger Berührungsängsten auf die Bühne gehen.

«Insgesamt nehmen sich die Bands nicht mehr so ernst und trauen sich auch mal, lustig zu sein.»

Thomas Gisler, Chef der «Schüür»

Mehr alternative Töne ins KKL bringen
Einen gewichtigen Einfluss auf die Szene hat Radio 3fach. Das Jugend- und Kulturradio ist der Taktgeber. Abseits des Mainstreams bekommen hier viele Bands eine Plattform, die bei anderen Stationen nicht mal nach Mitternacht gespielt würden. Und sogar Auftrittsmöglichkeiten vermittelt das Radio. Alle zwei Jahre organisieren die Radiomacher das «Funk am See» auf der Lidowiese direkt beim Verkehrshaus. Es ist das grösste Gratis-Open-Air der Schweiz. Mitte August spielten unter anderem die Singer-Songwriterin Heidi Happy, die experimentellen Hip-Hopper von Moskito und natürlich Mimiks vor bis zu 10 000 Leuten. Eine bessere Plattform bekommt eine Luzerner Band normalerweise nie. Für viele lokale Künstler ist es denn auch der erklärte Traum, mal auf dieser Bühne zu stehen.

Ironischerweise fast gar keine Rolle in den Träumen der Musikszene spielt ausgerechnet das KKL. Es ist schlicht zu gross und zu teuer. Ausserhalb des Blue Balls Festival – das jährlich rund um das ganze Seebecken stattfindet – wird es nur selten mit Bands abseits der Klassik bespielt. Das ändert sich jetzt vielleicht: Die Veranstalter der meisten Kulturhäuser aus Luzern haben sich zusammengetan, um vermehrt alternative Töne ins KKL zu bringen. Zwei Konzerte sind bislang geplant. Mit den Klaxons und Chilly Gonzalez kommen zwei Acts nach Luzern, für die man bisher eigentlich nach Zürich reisen musste. Vielleicht erhält Luzern dadurch endlich auch in der Welt abseits der Klassik den Ruf als «Musikstadt». Eine mehr als musikalische Stadt ist sie aber schon jetzt allemal.

Kategorie:

freizeit, kultur

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