NATIONALPARK

Der beste Freund des Murmeltiers

Text: Hugo Vuyk / Bilder: zvg

Im Kanton Graubünden befindet sich der einzige Nationalpark der Schweiz. Hier ist die Natur vor menschlichen Eingriffen geschützt. Die Anwesenheit von Besuchern beeinflusst das Verhalten der Tiere allerdings dennoch. Für Tierbeobachtungen ein grosser Vorteil, denn dadurch kommt man Tieren in freier Wildbahn näher als sonst. Lesen Sie, wo und wann Sie welcher Tierart am besten begegnen.

«Im Nationalpark lassen Murmeltiere den Menschen manchmal bis auf zwei Meter an sich heran», erzählt Stefan Triebs, Mitarbeiter Öffentlichkeitsarbeit im Schweizerischen Nationalpark. Sonst seien Murmeltiere aus der Nähe nicht einfach zu beobachten. Dass sich Alpenmurmeltiere im ältesten Nationalpark Europas und grössten Naturschutzgebiet der Schweiz anders verhalten als ausserhalb, hat mit der Lernfähigkeit der Tiere zu tun: «Sie wissen, dass sie hier vom Menschen nichts zu befürchten haben», löst Triebs das Rätsel auf, «ganz im Gegenteil, in unmittelbarer Nähe des Menschen sind sie vor Steinadler und Fuchs geschützt.»

Wenn ein Murmeli pfeift, verschwindet gleich die ganze Kolonie über die nächstgelegene Fluchtröhre in den Sommerbau. «Dann lohnt es sich, den Luftraum zu beobachten, denn die Murmeltiere entdecken einen Steinadler oder Bartgeier meist früher als wir Menschen.» Stefan Triebs weiss aus Erfahrung, dass die Besucher des Nationalparks in aller Regel zu wenig nach oben schauen. Murmeltiere sind im ganzen Nationalpark ausserhalb der Wälder gut zu beobachten, detaillierte Empfehlungen für Tierbeobachtungen in der Bildergalerie.

Die Wanderrouten sind auf den Karten des Nationalparks zu finden, auf www.nationalpark.ch sind über die Karten weitere Beobachtungsplätze auffindbar.

Rothirsche besonders spektakulär während der Brunft
Die grösste Huftierart des Parks in der hintersten Ecke Graubündens ist der Rothirsch mit einer Körperlänge von rund zwei Metern und einem Gewicht von bis zu 150 Kilogramm. Im Sommerhalbjahr halten sich rund 2 000 Hirsche im Nationalpark auf. Den Hochsommer verbringen die Rothirsche in Höhenlagen bis fast 3 000 Meter, Ende Oktober verlassen die meisten von ihnen den Park und überwintern an den Sonnenhängen der Haupttäler im Engadin, Münstertal und Vinschgau.

Die Ziele des Nationalparks: vom Menschen unbeeinflusste Entwicklung der Natur, Erforschung der dabei ablaufenden Prozesse und Information der Besucherinnen und Besucher.

Die Brunftzeit im Herbst legt Stefan Triebs den Besuchern besonders ans Herz: «Die Männchen sind dann den ganzen Tag im Dauerstress, doch durch Besucher lassen sie sich bei ihren Machtkämpfen und Paarungsritualen nicht stören.» Die geführte Wanderung durch das Val Trupchun, bekannt als «Hirscharena der Alpen», wird während der Hirschbrunft nicht nur donnerstags, sondern zusätzlich auch freitags durchgeführt.

Steinbock: durch Diebstahl und Schmuggel wieder da
Das Wappentier Graubündens war im ganzen Kanton seit 1650 ausgerottet. Seine geringe Scheu und der Glaube des Menschen an die wundersame Heilwirkung von Steinbockpräparaten wurden ihm zum Verhängnis. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es, einige Tiere aus dem Jagdrevier des italienischen Königs Vittorio Emanuele III zu stehlen und in die Schweiz zu schmuggeln. Mit dem Diebesgut wurde ein Zuchtprogramm gestartet, was ab 1920 zur Wiederansiedlung des Steinbocks im Nationalpark und zum heutigen Bestand von rund 300 Tieren führte.

Steinbock heisst auf Romanisch «macun», danach wurde auch das Gebiet der Seenplatte oberhalb von Lavin benannt, einer Exklave des Nationalparks mit einer zwar anspruchsvollen Wanderroute, die wir Ihnen aber trotzdem empfehlen, da sie landschaftlich besonders schön ist. Informationen zu deren Begehbarkeit und ob die Route geöffnet ist, finden Sie bei den Wanderrouten.

Wieder zwei Steinadler-Brutplätze
Der «König der Lüfte» ist in der Schweiz der Ausrottung knapp entgangen. Im Nationalpark findet der Steinadler ideale Lebensbedingungen: Sowohl Beutetiere wie auch geeignete Horstplätze kommen ausreichend vor. Im Sommer ernährt sich der Greifvogel mit einer Spannweite von 2,2 Metern vorwiegend von Murmeltieren, im Winter zu einem hohen Anteil von Aas von Huftieren. «Der Steinadler brütet nicht jedes Jahr», weiss Stefan Triebs, «aber wir freuen uns sehr, dass wir dieses Jahr wieder zwei brütende Paare hatten.» Eines nistete in der Nähe des Hotels Il Fuorn und ein zweites in der Val Trupchun.

Reisefreudiger Bartgeier
Eine noch grössere Flügelspannweite als der Steinadler weist mit fast drei Metern der Bartgeier auf. Der ihm angedichtete Ruf als «Kinderräuber» und «Lämmergeier» führte in der Schweiz zu heftiger Bejagung und schliesslich zur Ausrottung. In Wahrheit ernährt sich der Bartgeier vorwiegend von Knochen. Diese lässt er aus grosser Höhe auf Steinplatten fallen, damit sie zersplittern. Im Engadin wurden im Zeitraum zwischen 1991 und 2007 26 Bartgeier angesiedelt. Triebs hierzu: «Der Bartgeier pflanzt sich in unserer Region wieder genügend stark fort, wir zählten dieses Jahr drei Brutpaare, wie im Vorjahr übrigens auch.» Bartgeier legen grosse Strecken zurück. Ein junger Bartgeier aus dem Engadin ist auch schon bis Norwegen geflogen, wie man anhand seines Senders festgestellt hat. Mehr zur Ansiedlung des Bartgeiers unter www.bartgeier.ch

Der Braunbär – ein besonderer Gast im Park
«Wenn man einen Bären sieht, muss man sich freuen, denn in diesem Fall hat er den Menschen noch nicht wahrgenommen», antwortet Triebs auf die Frage, ob man sich als Nationalparkbesucher vor dem Bären fürchten müsse. Der Bär zeige in aller Regel Respekt vor dem Menschen und entferne sich, sobald er uns rieche. «Wenn sich ein Bär aufrichtet, ist das übrigens keine Drohgebärde, er verschafft sich so den Überblick», erklärt Triebs. Wer einen Bären sieht, macht am besten durch Gesang oder Sätze in normaler Lautstärke auf sich aufmerksam und tritt langsam den Rückzug an. Nie rennen, denn das empfinde der Bär als Einladung. Und der Bär schaffe auf kurzer Distanz gut 50 km/h.

Immer wieder mal durchstreifte in den letzten Jahren ein Braunbär den Nationalpark, doch er ist ein seltener Gast. Mehr über den Bären erfahren kann man im Nationalpark in der Bärenausstellung im Museum Schmelzra, auf der Bärenwanderung Margunet (mit der App iWebpark) sowie auf dem Bärenerlebnisweg in S-charl. Hier mehr zum Bären inklusive ausführlicheren Verhaltensregeln für den Fall, dass Sie Meister Petz begegnen sollten.

Tannenhäher im Logo des Nationalparks
Weitere Tiere wie Ameisen und andere Insekten trifft man im Nationalpark entlang der 80 Kilometer Wanderwege auf Schritt und Tritt an. Andere sind zwar ständig da, wie der Fuchs, oder besuchsweise, wie der Wolf, man wird sie dennoch kaum zu Gesicht bekommen, da sie scheu und nachtaktiv sind. Zum Schluss sei noch ein Tier näher vorgestellt, das im Logo des Nationalparks abgebildet ist: der Tannenhäher, der überall im Waldbereich des Parks anzutreffen ist. Auch er wurde verfolgt, wie Stefan Triebs berichtet: «Früher hiess es, der Tannenhäher trage zum Verschwinden der Arven bei. Dabei stimmt das Gegenteil. Zwar versteckt der Tannenhäher Arvensamen als Wintervorrat, aber da er nur gut 80 Prozent wiederfindet, was bereits eine grossartige Leistung ist, trägt er zu einer grossräumigen Verbreitung der Arven bei. Ein wunderbares Beispiel, wie alles in der Natur zusammenspielt, wenn man ihr den notwendigen Lauf lässt.»

Tipps für Tierbeobachtungen und Wanderungen im Nationalpark
Damit Sie für den Besuch des Nationalparks gut gerüstet sind und möglichst viele Tiere beobachten können, haben wir für Sie einige Tipps zusammengetragen. Viel Spass bei Ihren Wanderungen in einem einmaligen Stück Natur.

  • Gute Wanderkleidung, gutes Schuhwerk, Sonnenschutz, Wasserflasche
  • Feldstecher mitnehmen oder im Nationalparkzentrum mieten
  • Keinen Lärm machen
  • Auch den Luftraum beobachten, um Steinadler oder Bartgeier zu sehen
  • Die Wanderroute im Voraus planen, den Wegzustand abfragen und sich bei der Wahl nicht überschätzen
  • Die Schutzbestimmungen des Nationalparks beachten
  • Für Einsteiger eignen sich geführte Wanderungen
  • Die App iWebpark ist ein kostenloser digitaler Wanderführer fürs Smartphone. Sie wird am besten zu Hause heruntergeladen. Wenn Sie kein Smartphone haben, können Sie im Besucherzentrum ein Gerät mieten
  • Die Route 21 zur Seenplatte von Macun ist besonders schön, aber anspruchsvoll; sie lässt sich mit dem Taxi-Shuttle ab Zernez bis zur Waldgrenze nach Plan Sech entschärfen, Fahrt anmelden unter 079 103 20 20

 

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Werden Sie selbst zum Tierbeobachter und entdecken Sie die einmalige Fauna und Flora des Nationalparks! Eine Übersicht über weitere Schweizer Pärke finden Sie z.B. unter www.schweizer-paerke.ch

Kategorie:

freizeit, natur, tipps

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