Uhren

Sojus-Rakete am Handgelenk

Text: Thomas Wyss / Video: Tom Malecha / Fotos: Crafft & Patrick Hohmann

Das junge Zürcher Uhrenlabel Werenbach lanciert eine Kollektion, deren Gehäuse aus Teilen von russischen Sojus-Raketen gefertigt sind. Denker und Lenker hinter diesem Männertraum ist Patrick Hohmann.

Den einen kommen die verrückten Ideen im Schlaf, anderen bei einem Glas Wein. Eher selten hört man dagegen die Variante «Jogging». Einer dieser Ausnahmefälle ist Patrick Hohmann – und der Jungunternehmer hatte dabei auch noch einen selten verwegenen Einfall: Er wollte nämlich eine Raketen-Uhr bauen! Einen Chronographen, der aus Teilen bestand, die schon mal richtige Weltall-Luft «geschnuppert» hatten!

Das war vor ein paar Jahren. Dann begann die Arbeit. Und bei dieser Arbeit habe sich die bekannte Redewendung «Der Weg ist das Ziel» mehr als einmal bewahrheitet, sagt der 40-jährige. Die erste Hürde: Genuines Raketenmaterial liegt weder auf Flohmärkten herum, noch ist es einfach so im Internet bestellbar. Also begab sich Hohmann mit ein paar Freunden auf eine Abenteuerreise – und zwar in die kasachische Steppe, wo, wie sie recherchiert hatten, ein Metallsammler wahrhaftig Teile einer «Sojus»-Rakete bunkerte. Wem «Sojus» kein Begriff sein sollte: Die Kapsel von Juri Gagarin, dem ersten Menschen im All, wurde 1961 mit einer «Wostok»-Rakete nach oben befördert, aus der später die nur minim veränderte «Sojus» hervorging. Da sich dieser Flugkörper über die Jahrzehnte hinweg als sehr zuverlässig erwies, fliegen russische Kosmonauten bis heute mit solchen Trägerraketen zur internationalen Raumstation ISS.

Die bekannte Redewendung «Der Weg ist das Ziel» hat sich bei der Arbeit mehr als einmal bewahrheitet.

Jedenfalls, erzählt der Pionier aus Zürich, sei der Kasache nach zähen Verhandlungen bereit gewesen, das Material zu verkaufen – erst gab es einen Koffer voll Rakete, später wurde ein ganzer Lastwagen nachgeliefert. Das unumgängliche Zoll-Prozedere sei hüben wie drüben «eher anstrengend» gewesen, sagt Hohmann lachend, ohne dabei ins Detail gehen zu wollen. Stattdessen kommt er lieber auf die zweite grosse Herausforderung zu sprechen – den eigentlichen Verarbeitungsprozess.

«Ich wollte eine stilvolle, zeitlose Uhr kreieren. Rostiges, verkratztes Raketenmaterial würde das Bild stören, das wäre eine völlig andere Uhrenphilosophie.»

Als Rohmaterial dienten die Aussenhaut und die Turbine des Raketentriebwerks oder «Boosters», das beim Zünden der zweiten Raketenstufe abgesprengt wird und zur Erde (beziehungsweise in die kasachische Steppe) fällt. Beide Komponenten hat man darauf in einem eigens entwickelten, komplexen Aufbereitungsverfahren zu einer Legierung verarbeitet, aus der später die Gehäuse der Chronographen gefertigt wurden. Auf die Frage, weshalb er für seine Uhren keine Originalteile verwende, antwortet Hohmann: «Ich wollte eine stilvolle, zeitlose Uhr kreieren. Rostiges, verkratztes Raketenmaterial würde das Bild stören, das wäre eine völlig andere Uhrenphilosophie.»

«Selbstverständlich können Frauen problemlos eine COSMONAUT tragen, ich denke aber, dass Raketen schon eher Buben- und Männerfantasien beflügeln.»

Dennoch brauchte die Kollektion, die den Namen COSMONAUT trägt, natürlich eine Art Echtheitsmerkmal. Es besteht aus der Materialangabe – entweder «Soyuz Booster Shell» SBS (Aluminiumgehäuse von der Aussenhaut) oder «Soyuz Rocket Engine» SRE (Stahlgehäuse vom Triebwerk) – sowie den Koordinaten des Ortes Baikonur, von wo die Rakete gestartet war. Diese Angaben sind im Zifferblatt aufgedruckt. Zusätzlich ist auf der Rückseite des Gehäuses eine Weltkarte eingraviert; der angegebene Punkt markiert wiederum den Weltraumbahnof Baikonur.

Hohmann hat eine hochkarätige Crew an Bord
Der eigentliche Countdown begann dann im Jahr 2013, als Patrick Hohmann zusammen mit Marco Vannotti das Unternehmen Werenbach gründete. Der Name des Labels, erzählt der Betriebsökonom, gehe zurück auf den Freund, der mit ihm damals beim Joggen gewesen sei, als er den wortwörtlich «abgespacten» Einfall gehabt hatte.

Hohmann ist der Denker und Lenker des Startup-Unternehmens Werenbach, doch allein konnte er die COSMONAUT-Kollektion natürlich nicht auf die «Erdumlaufbahn» bringen. Zu seinem wie er betont «hochkarätigen Team» gehören unter anderem zwei erfahrene Uhrenmacher aus Schaffhausen und Österreich, ein Designer, ein Art Director, ein Tangotänzer und ein Oscar-nominierter Zürcher Filmemacher. Das hört sich definitiv nach der richtigen Crew an, um eine weltexklusive Schweizer Uhr herzustellen und zu vermarkten – eine Uhr, die für ihren Erfinder in der Tendenz aufs maskuline Geschlecht abzielt: «Selbstverständlich können Frauen problemlos eine COSMONAUT tragen, ich denke aber, dass Raketen schon eher Buben- und Männerfantasien beflügeln.»

Das wäre in groben Zügen die verrückte Entstehungsgeschichte der COSMONAUT-Uhr, was noch fehlt, sind die wichtigsten Zahlen und Fakten zu den einzelnen Modellen: Geliefert werden sie mit mechanischen (ETA Valjoux 7750) oder quarzgesteuerten (ETA 2892-A2) Werken; hergestellt werden sie in Kleinserien von 15 bis 40 Stück; ein Teil der Kollektion wird mit besonders kratzfester DLC-Beschichtung versehen sein. Preislich liegen die Automatikuhren zwischen 4900 und 7400 Franken, die Quarzuhren kosten zwischen 2950 und 3500 Franken. Erhältlich sind sie entweder im Atelierladen am Zürcher Limmatquai 56 (vis-à-vis des Rathauses) oder über die firmeneigne Website.

www.werenbach.ch

Kategorie:

einkaufen, mode

Weitere Artikel