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Interview

Warum Sie für mehr Biodiversität einstehen sollten

30.03.2022

Die Natur in der Schweiz erscheint auf den ersten Blick intakt und für den Naturschutz wird viel unternommen. Doch auch hier sollten wir der Biodiversität besondere Aufmerksamkeit schenken, denn sie ist die Lebensgrundlage für alle. Aber was genau ist Biodiversität und wieso ist sie so wichtig? Wir haben mit Lara Grandgirard vom WWF gesprochen. Sie verrät, wie auch Sie zum Erhalt der Biodiversität beitragen können.

«Mehr als ein Drittel der Arten sind in der Schweiz bedroht»

Der WWF setzt sich für mehr biologische Vielfalt in der Schweiz ein. Das Projekt «Natur verbindet» stärkt die Beziehung zwischen Mensch und Natur und unterstützt Landwirtinnen und Landwirte bei der Umsetzung von ökologischen Projekten. Wir haben mit Lara Grandgirard, der Projektverantwortlichen, gesprochen.

Lara Grandgirard betreut beim WWF das Projekt «Natur verbindet». © Aline Bovard Rudaz

Lara Grandgirard, was genau ist Biodiversität?
Vereinfacht ausgedrückt umfasst Biodiversität die gesamte Vielfalt der Lebewesen und Lebensräume auf der Erde. Üblicherweise unterscheidet man in einer bestimmten Region die Vielfalt der Ökosysteme, die Vielfalt der Arten, die diese Ökosysteme bewohnen, und die genetische Vielfalt jeder Art. Diese drei Aspekte stellen die Biodiversität einer untersuchten Region dar.
 
Wie steht es um die Biodiversität in der Schweiz?

Entgegen der weit verbreiteten Meinung ist die Biodiversität in einem schlechten Zustand. Die Vielfalt und die Qualität der natürlichen Lebensräume, aber auch die Anzahl der Arten und ihre Populationen sind seit Beginn des 20. Jahrhunderts stetig zurückgegangen. In der Schweiz sind heute mehr als ein Drittel der wildlebenden Tier- und Pflanzenarten und mehr als die Hälfte der natürlichen Lebensräume bedroht.
 
Was zeichnet eine hohe Biodiversität aus?
Anstelle von hoher Biodiversität spricht man von funktionaler Biodiversität – und meint damit eine gesunde Biodiversität. Sie hängt nicht nur davon ab, «wie viele Arten» ein Lebensraum aufweist, sondern auch davon, «welche Arten» dort vorkommen. Eine funktionale Biodiversität zeichnet sich dadurch aus, dass alle Arten, die für das Gleichgewicht und das reibungslose Funktionieren eines bestimmten Ökosystems notwendig sind, vorhanden und miteinander verbunden sind. Unser Körper ist zum Beispiel ein Ökosystem, das eine Vielzahl verschiedener Bakterienarten beherbergt. Ohne sie könnte unser Körper grundlegende Funktionen nicht ausführen. Wenn wir die einen Bakterien durch andere ersetzten, würden wir krank werden. Sie alle haben ihren Platz und ihre Rolle im gesunden Gleichgewicht unseres Körpers, und auf gleiche Weise funktioniert auch ein Wald, ein See …

Feuersalamander auf Steinpilz: Hier erscheint die Natur intakt.

Wieso ist Biodiversität für das ökologische Gleichgewicht so wichtig?
Eine funktionale Biodiversität ermöglicht es einem Ökosystem, widerstandsfähiger gegenüber auftretenden Veränderungen zu sein. Eine Vielzahl von Arten teilen sich wichtige Rollen. Je mehr Individuen eine Art umfasst, desto besser kann sie sich anpassen, sich weiterentwickeln und überleben. Wenn die Biodiversität zusammenbricht, werden Ökosysteme sehr anfällig. Den überlebenden Arten gelingt es nicht, die Rollen der verschwundenen zu übernehmen. Der Verlust der biologischen Vielfalt bringt schliesslich die natürlichen Kreisläufe durcheinander, von denen der Mensch direkt abhängig ist: Trinkwasser, Nahrungsmittelproduktion, Energie.

Auch Bienen profitieren von einer funktionalen Biodiversität.

Welche Rolle spielt der Mensch in Bezug auf die Biodiversität?
Seit mehr als 20 Jahren können Wissenschaftler nachweisen, dass der Mensch durch die Veränderung der Umwelt eine bedeutende Rolle beim Verlust der biologischen Vielfalt spielt: Zerschneidung des Landes durch Bauten und Infrastrukturen, Zerstörung von Lebensräumen und natürlichen Umgebungen, Übernutzung, Wilderei, intensive Landwirtschaft, Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung. Auch der Klimawandel wirkt sich auf die biologische Vielfalt aus. Die Arten finden dadurch nicht mehr genügend qualitativ hochwertige Lebensräume.
 
Wie kann ich Biodiversität in meinem direkten Umfeld fördern?
Keine Fläche ist zu klein, um einen Beitrag zu leisten: Der Natur Raum geben, den Einsatz von Chemikalien vermeiden, heimische Arten aufwerten, Lebensräume und Zufluchtsorte für Tiere schaffen … Das alles sind kleine Massnahmen, die eigentlich jeder ergreifen kann. Je mehr verschiedene Lebensräume (wie Stein- und Asthaufen, Strauchinseln, Blumenrasen oder Nistkästen) Sie zum Beispiel in Ihrem Garten anbieten, desto mehr Arten können dort Nahrung, Zuflucht und Schutz finden. Eine gute Vernetzung Ihres Gartens mit den Nachbargärten erhöht die Bewegungsmöglichkeiten für diese Arten. So können sich diese leichter ernähren und fortpflanzen.

Im Rahmen des WWF-Projekts «Natur verbindet» pflanzt Lara Grandgirard einen Busch, um die Biodiversität nachhaltig zu fördern. © Dylan Quiquerez

Auch auf Ihrem Balkon können Sie etwas tun: Bepflanzen Sie Blumenkästen oder
-töpfe mit Wildblumen und Kräutern oder mit kleinen einheimischen Sträuchern. Hängen Sie einen Nistkasten für Vögel auf und fördern Sie mit einem «Insektenhotel» den Lebensraum für Bienen, Schmetterlinge und Marienkäfer.
 
Wie kann ich sonst zum Erhalt der Biodiversität beitragen?
Minimieren Sie Ihren ökologischen Fussabdruck. Indem Sie die Menge an Ressourcen verringern, die Sie für Ihren Lebensstil benötigen, üben Sie weniger Druck auf die Umwelt aus und leisten so einen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Essen Sie biologisch, lokal und saisonal, reduzieren Sie Ihre Abfallmenge, senken Sie Ihren Energieverbrauch, leben Sie genügsamer und investieren Sie Ihr Geld in Bereiche mit geringeren ökologischen Auswirkungen.

Kategorie:

kreditkarte, kultur, natur, tipps

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