Story

Wie werden wir im Jahr 2030 online einkaufen?

Text: Lena Grossmüller / Fotos: Jürg Waldmeier / Video: Safak Avci

Bequem, schnell, günstig: Online-Shopping ist im Aufwind. Doch wie wird sich der Trend weiterentwickeln? Wie werden wir im Jahr 2030 einkaufen? MyCard sprach mit Karin Frick, Forschungsleiterin des Gottlieb Duttweiler Instituts, über die Zukunft des Online-Shoppings.

Schon bald wird jeder fünfte Einkauf in der Schweiz im Internet stattfinden. Wie wird es 2030 aussehen?
2030 wird es normal sein, dass wir uns die Dinge, die wir brauchen, online beschaffen. In Zukunft kann ich nach Produkten suchen, wie bereits heute nach Informationen – alles ist verfügbar. Stationäre Läden werden dadurch an Bedeutung verlieren. Denn wenn alles verfügbar ist, fehlt die Notwendigkeit, dass Produkte konzentriert an einem Ort sein müssen. Kaufen findet in allen Situationen statt, nicht mehr nur in der Einkaufsstrasse.

Was passiert mit den Läden und Einkaufsstrassen?
Sie werden nicht aussterben, aber in anderer Form genutzt werden. Es wird immer noch Situationen geben, in denen man sich in eine traditionelle, folkloristische Shopping-Umgebung begeben möchte. Aber das wird dann eher ein Erlebnis sein, wo man sich in eine ganz bestimmte Welt versetzen möchte. Läden werden zukünftig stärker mit dem Handwerk verbunden sein: Da wird gewogen, Schmuck geschmiedet, werden Kleider genäht. Man kann das schon heute beobachten, zum Beispiel bei alten Apotheken. Da werden ganze Regale mit antiken Dosen und Töpfchen vollgestellt. Ich meine, das ist wunderschön! Aber es hat keine Funktion, es ist alles nur Deko.

«Kaufen findet in allen Situationen statt, nicht mehr nur in der Einkaufsstrasse.»

Forschungsleiterin Karin Frick zeichnet einen radikalen Wandel beim Einkaufen.

Wie genau wird sich die Art und Weise, wie wir einkaufen, verändern?
Ich glaube, man wird in Zukunft nicht mehr zwischen online und offline unterscheiden. Wir sind dann einfach permanent online, die digitale und die reale Welt überlappen sich, Stichwort Augmented Reality. Eine erste Verschiebung hat bereits stattgefunden. Früher sass man zum Online-Shopping zu Hause vor dem Laptop, heute findet alles unterwegs auf mobilen Geräten statt. In Zukunft kommen noch neue Möglichkeiten hinzu. Wir werden intelligente Kontaktlinsen und Brillen haben, die nicht mehr so aussehen wie heute. Mit einem Augenzwinkern oder einem Handwisch gibt man dann Befehle an die Brille oder erhält Informationen von ihr. Ich könnte mir auch vorstellen, dass bald der Spiegel in Umkleidekabinen, zu Hause oder im Hotel zum Interface wird, ein Bildschirm, der mir Kaufempfehlungen gibt.

Wie werden wir in Zukunft online bezahlen?
Es wird verschiedene Zahlungsmittel geben: Bonuspunkte, Meilen und Bitcoins. Jedoch läuft alles zentral über ein System. Es weiss, wo ich Punkte sammle und wo es Rabatte gibt. Das System wird uns immer besser kennenlernen, das heisst, es kennt auch unser Budget. Ich kann in Absprache mit dem System festlegen, wie gross mein Kleider- oder mein Ferienbudget ist. Es wird zu meinem persönlichen Finanzassistenten und wickelt alles für mich ab. Heute schauen wir auf Vergleichsseiten, wo es den billigsten Flug gibt. Zukünftig werden wir diese Vergleiche nicht mehr selbst vornehmen müssen, alles läuft über das System.

Steht hinter diesem System dann meine Bank?
Das ist die Frage, wer sich da durchsetzt. Ist es einer der grossen Anbieter, sprich Facebook, Google oder Apple? Oder wird es meine Bank sein? Das wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Entscheidend ist aber der Assistent: Ich habe nicht mehr viele einzelne Apps, sondern nur ein System. Als Nutzer möchte ich dem System blind vertrauen und trotzdem immer die Kontrolle behalten, zum Beispiel durch die Möglichkeit, in Echtzeit jede Transaktion einzusehen. Diejenigen, die mir diesen Assistenten liefern, die sind in der besten Position.

Welche neuen logistischen Lösungen wird es bei der Lieferung geben?
Es wird mehr Möglichkeiten geben: immer schneller, immer präziser, genau dorthin, wo ich es will. Das können selbst fahrende Lieferfahrzeuge sein, automatisierte Systeme, aber auch Drohnen. Technisch ist heute schon viel machbar, die Frage ist mehr der rechtliche Rahmen, die Sicherheit. Und es wird sich zeigen, ob die Gesellschaft schon bereit für diese Entwicklung ist.

«In Zukunft wird es keine Websites mehr geben, nur noch virtuelle Welten.»

Wie wird sich die Software hinter den Online-Shops entwickeln?
Es wird keine Websites mehr geben, sondern nur noch virtuelle Welten. Man kann dann Kleider virtuell anprobieren, ohne dass man sie anziehen muss, dank eines 3-D-Modells. Und die Software wird sich weiter verfeinern. Das System lernt uns immer besser kennen und kann immer genauere Vorhersagen und Angebote machen. Heute ist es ja noch nicht so subtil, ich bekomme immer die gleichen Werbeanzeigen, wenn ich ein Produkt suche – da gibt es noch viel Spielraum.

Was sind Megatrends, die das Einkaufen der Zukunft beeinflussen werden?
Zum einen ist es die Individualisierung, deren Einfluss schon in den letzten Jahren deutlich zu spüren war. Das Angebot wird perfekt auf mich, auf meine Situation zugeschnitten. Massenprodukte werden somit bedeutungslos. Zum anderen ist das die Digitalisierung. Die virtuellen Welten werden fassbarer, realer. Die Verführung, sich in dieser Welt aufzuhalten, wird gross sein. Gleichzeitig gibt es den Gegentrend: Romantische, emotionale Sehnsüchte werden stärker werden. Dadurch, dass vieles virtuell stattfindet, werden wir das Sinnliche, Haptische umso mehr wertschätzen.

Individualisierte Angebote und Auswahlmöglichkeiten werden beim Einkaufen weiter zunehmen.

Wenn Sie einen Online-Shop aufbauen müssten, was wären Ihre Empfehlungen?
Die erfolgreichen Läden zurzeit sind Vermittler ohne eigenes Warenlager. Nehmen Sie Alibaba, Amazon, Airbnb oder Uber, die vermitteln nur noch. Sie denken sich als IT-Unternehmen und wissen extrem viel über ihre Kunden. Wenn es um Mode geht, könnte ich mir eine Mischform von virtuell und stationär vorstellen. Ich würde den Spiegel in Umkleidekabinen, zu Hhause oder im Hotel als Interface besetzen. Er wäre die Einkaufschnittstelle, ein Bildschirm, der mir gleichzeitig Empfehlungen gibt: Das passt gut zusammen, nimm doch noch diesen Schal, diese Kette ...

Was würden Sie einem stationären Laden empfehlen?
Er sollte das Erlebnis noch stärker inszenieren und mit der Sehnsucht nach romantischen Situationen spielen. Und natürlich muss er zusehen, dass er sich an das System anschliesst. Denn wer die Informationsflüsse beherrscht, wird auch die Warenflüsse beherrschen.

Karin Frick
Karin Frick ist Forschungsleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Instituts. Seit 25 Jahren erforscht die Ökonomin für den Thinktank mit Sitz in Rüschlikon Trends und Gegentrends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum. Für den interdisziplinären Ansatz des Instituts arbeitet die 55-Jährige mit einem sechsköpfigen Forschungsteam sowie externen Spezialisten wie Sozialwissenschaftlern, Historikern, Psychologen, Betriebswirtschaftlern, Computer Scientists oder Marktforschern zusammen. Sie lebt in Thalwil und hat zwei Söhne.

Kategorie:

einkaufen, elektronik, story

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